Podcast Summary: Eine Stunde History - Umweltkatastrophen – Das Ozonloch 1985
Podcast: Eine Stunde History – Deutschlandfunk Nova
Date: 16. Mai 2025
Hosts: Steffi Orbach (History) & Aglaya Dane (Update Erde)
Guests: Dr. Matthias von Hellfeld, Dr. Jens Uwe Groß (Stratosphärenforscher), Sandra Pfister (Wirtschaftsredaktion), Dr. Jan Henrik Mayer (Umwelthistoriker)
Hauptthema und Ziel der Folge
Die Episode widmet sich dem Ozonloch, dessen dramatischer Nachweis 1985 weltweite Angst auslöste, und beleuchtet die historischen, wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Reaktionen darauf. Die Hosts fragen: Was lässt sich aus der bislang einmalig erfolgreichen internationalen Krise-Intervention – der Rettung der Ozonschicht – für heutige Herausforderungen wie die Klimakrise lernen?
Wichtige Themen und Diskussionspunkte
1. Persönliche Erinnerungen an das Ozonloch (02:01 – 02:58)
- Steffi Orbach: Verbindet das Thema zuerst mit Haarspray und dem alltäglichen Leben der 1980er:
"Plötzlich durfte man dieses normale Haarspray nicht mehr benutzen, sondern musste diese Pumpsprays nehmen… das ging überhaupt nicht. Ist mir ein bisschen unangenehm." (02:08) - Aglaya Dane: Erinnert sich an kindliche Angst angesichts des medialen Weltuntergangsszenarios: "Ich habe in den Himmel geguckt und hatte das Gefühl: Das ist jetzt gefährlich, da oben lauert die Gefahr." (02:39)
2. Umweltkatastrophen im historischen Kontext (03:36 – 06:29)
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Dr. Matthias von Hellfeld erklärt, dass frühe Gesellschaften Naturkatastrophen meist als göttliche Strafen deuteten. Der Mensch als Ursache tritt erst mit Industrialisierung ins Bewusstsein.
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Zentrale Einsicht:
„Erst sehr viel später setzte sich die Erkenntnis durch, dass der meiste Dreck in der Umwelt von Menschen gemacht und dass auch nur der Mensch diese Entwicklung wieder stoppen könnte.” (05:23) -
Weitere historische Umweltkatastrophen: verseuchte Flüsse, saurer Regen, Smog, Tschernobyl (1986).
3. Die wissenschaftlichen Basics zum Ozonloch (06:48 – 07:48)
- Ozon als Schutzmantel: In der Stratosphäre blockiert Ozon gefährliche UV-Strahlung.
- FCKW: Vom Menschen produzierte Chemikalien, vor allem in Kühlschränken und Sprühdosen, greifen die Ozonschicht an und führen zu ihrem Abbau, besonders über der Antarktis.
4. Die Entdeckung und globale Reaktion 1985 (08:03 – 11:06)
Historischer Rückblick (Zusammengefasst von Annika Säuberlich)
- Am 16. Mai 1985 veröffentlichen Farman, Gardiner & Shanklin ihre Entdeckung im Fachjournal „Nature“: UV-Strahlung trifft über der Antarktis nahezu ungehindert auf die Erde.
- Medienreaktion:
"Eine typische Schlagzeile: Loch im Himmel durch Spraydosen. Dieses Loch im Himmel sorgt für Panik… Ärzte warnen vor Augenschäden und Hautkrebs." (08:50–09:03) - Regierungen, Eltern und Verbände reagieren – vom Sonnenschutzlied „Slip Slop Slap“ in Australien bis hin zu politischen Wahlkampfthemen in Deutschland.
- Wende: Trotz industriepolitischer Hürden einigt sich die Welt schließlich im Montrealer Protokoll (1987) auf ein internationales FCKW-Verbot.
- Erkenntnis:
"Ohne dieses gemeinsame Handeln wäre das Ozonproblem außer Kontrolle geraten. Heute wissen wir: Dass so schnell reagiert wurde, hat sich ausgezahlt, das Ozonloch schrumpft." (12:22)
5. Was ist das Ozonloch wirklich? Wissenschaftliche Einordnung (13:18 – 20:39)
Interview mit Dr. Jens Uwe Groß (Stratosphärenforscher, Forschungszentrum Jülich)
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Erklärung für Laien:
"Die Ozonschicht ist eine Schicht zwischen 10 und 30 Kilometern, die uns vor dem harten UV-Licht schützt. Das Ozonloch entsteht durch langlebige Chlorverbindungen (FCKW)... die katalytisch Ozon abbauen." -
Wie entsteht das Loch?: Chlorverbindungen zerstören Ozon besonders im südlichen Frühling am Polarwirbel.
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"Wenn diese Schicht weniger als 2,2 mm dick ist (auf Bodendruck gerechnet), spricht man vom Ozonloch." (16:27)
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Zukunftsperspektive:
"Wir müssen leider noch ungefähr bis Mitte dieses Jahrhunderts warten, bis dann auch die vor 100 Jahren emittierten FCKW endlich weg sind… Das Ozonloch wird sich in einer Zeitskala von 40 bis 50 Jahren wohl schließen." (19:54–20:00)
6. Politische und ökonomische Hintergründe der globalen Lösung (20:59 – 34:50)
Sandra Pfister über die globale Dynamik:
- Kaltes Kriegsklima, aber Einigung möglich:
"Es war mitten im Kalten Krieg… Aber die Bedrohung wirkte schon relativ konkret. Hautkrebs, sterbende Meereslebewesen – das war greifbar." (21:14) - Schlüsselfigur Ronald Reagan:
"Gerade dieser konservative Ronald Reagan macht damals dann Druck auf seine eigene Industrie… Wir haben schon einen Stoff, der FCKW ersetzen kann." (22:31) - Industrie-Logik:
"DuPont, größter FCKW-Hersteller, wollte keine globalen Wettbewerbsnachteile und forderte weltweite Regelungen." (24:23) - Eigendynamik führt zur internationalen Einigung
Was lässt sich für die Klimakrise lernen?
- "Das Ozonloch war kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf. Zuerst butterweiches Abkommen (1987), dann nach dem Mauerfall härtere Folgeabkommen." (25:44)
- Hoffnung und Herausforderungen: Technologischer Fortschritt und internationale Verhandlungen sind Schlüssel, aber beim Klimawandel ist alles komplizierter: tiefere Eingriffe, mehr Verzicht, schwierigere individuelle Betroffenheit.
- Zitat Frank Uekötter:
"Die Innovationskraft des Kapitalismus ist destruktiv wie kreativ… Beim Ozonloch kam der Ersatzstoff für FCKW überraschend schnell." - Mahnung:
"Die Aufmerksamkeitsspanne für politische Lösungen ist kurz. Beim Ozonloch funktionierte das Fenster der Möglichkeiten. Für den Klimawandel droht das Horrorszenario sich abzunutzen." (33:49)
7. Umweltpolitik und Gesellschaft im historischen Rück- und Ausblick (35:01 – 46:47)
Dr. Matthias von Hellfeld:
- Umweltprobleme treiben Politik an, führen aber regelmäßig auch zu parteipolitischem Widerstand und werden oft durch wirtschaftliche Erwägungen verdrängt.
Interview mit Dr. Jan Henrik Mayer (Umwelthistoriker):
- "Umweltkatastrophen wirken wie Brandbeschleuniger, wenn es schon eine Problemwahrnehmung gibt." (36:40)
- Politische Konsequenzen sind nachhaltiger, wenn ein Thema bereits präsent ist („Resonanzboden“).
- Beim Ozonloch griffen Bedrohungsgefühl, Medien und internationale Vernetzung besonders schnell.
- "Unser ganzes Wirtschaftssystem basiert auf fossiler Verbrennung. Das macht die Lösung des Klimawandels so viel schwerer als beim Ozonloch." (44:05)
8. Fazit und persönliche Takeaways der Hosts (47:17 – 47:41)
- Aglaya:
"Es gibt da natürliche Schwankungen, aber langfristig wird sich das Ozonloch wohl schließen. Und da bin ich froh, dass ich das jetzt endlich mal verstanden habe." - Steffi:
"Ich wusste nicht, dass die USA mal so sehr Vorreiterland waren in Sachen Klimaschutz wie jetzt beim Ozonloch. Da können wir allerdings wahrscheinlich die nächsten Jahre nicht mehr drauf zählen. Umso mehr kommt es jetzt auf uns an."
Notable Quotes & Memorable Moments
- Annika Säuberlich (über die Kommunikation und Panik 1985):
„Strahlender Sonnenschein, was früher eine Garantie für körperliches Wohlbefinden war, erscheint nun gefährlich.“ (10:05) - Dr. Jens Uwe Groß:
„Insofern ist es gut, dass die Menschheit auf diesen Zeitskalen von zwei Jahren, was unglaublich schnell ist, reagiert hat und zunächst mal eine moderate Beschränkung sich auferlegt hat...“ (17:30) - Sandra Pfister:
„Es war ein Langstreckenlauf.“ (25:44)
„Damals beim Ozonloch musste niemand wirklich verzichten - bei der Klimakrise wäre das anders.“ (32:48) - Frank Uekötter (zitiert):
„Die Innovationskraft des Kapitalismus ist destruktiv, aber eben auch die Fähigkeit, Lösungen zu finden, die man nicht vorhersieht.“ (31:32) - Dr. Jan Henrik Mayer:
„Umweltkatastrophen treiben Politik, weil sie die Machtbalance verändern.“ (40:40)
Timestamps der wichtigsten Segmente
- 02:01 – 02:58 Persönliche Erinnerungen und Ozonloch-Trauma
- 03:36 – 06:29 Historische Umweltkatastrophen & Ursachen
- 06:48 – 07:48 Ozonloch Basics (Update Erde)
- 08:03 – 13:12 Die Entdeckung 1985 & erste Reaktionen
- 13:18 – 20:39 Interview Dr. Jens Uwe Groß: Was ist das Ozonloch wirklich?
- 20:59 – 34:50 Internationale Politik, Industrie, Lehren für Klima
- 35:01 – 42:11 Umweltgeschichte und Politik mit Dr. Jan Henrik Mayer
- 47:17 – 47:41 Persönliche „Was nehme ich mit?“-Fazit der Hosts
Zusammengefasst: Lerneffekte der Episode
- Das Ozonloch war einer der wenigen Fälle globaler Umweltbedrohungen, die dank internationaler Zusammenarbeit und technologischem Ersatzstoff tatsächlich gemeistert wurden.
- Lösungen für globale Umweltprobleme benötigen ein „Fenster der Möglichkeiten“ und starken politischen sowie gesellschaftlichen Druck, oft ausgelöst durch ein greifbares Bedrohungsgefühl.
- Klimawandel unterscheidet sich durch seine Komplexität, die erforderlichen Verzichte und die weniger unmittelbare Wahrnehmbarkeit – erschwert politische Dynamik und individuelle Betroffenheit.
- Technik und politischer Wille können Lösungen schaffen – aber Zeit und Aufmerksamkeitsspanne für Veränderungen sind begrenzt.
Für alle, die nicht hören konnten:
Diese Episode bietet einen erkenntnisreichen, differenzierten Rückblick auf die Ozonloch-Krise – und hält ebenso wichtige Lektionen für die heutigen Umweltdebatten und -strategien bereit.
