Podcast Summary: Hotel Matze – Ferdinand von Schirach (2026)
Episode Title: Was ist ein Mensch wert?
Host: Matze Hielscher
Guest: Ferdinand von Schirach (Jurist und Schriftsteller)
Release Date: 22. Februar 2026
Überblick: Hauptthema und Anliegen der Folge
Diese Episode ist ein tiefgehendes Gespräch mit dem renommierten Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach. Matze Hielscher spricht mit ihm über die großen Menschheitsthemen: Würde, Gerechtigkeit, Tod – und alles, was im (und außerhalb des) neuen Kinderbuchs von von Schirach mitschwingt. Die Fragen lauten: Was ist ein Mensch wert? Was ist Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert? Was bedeutet eigentlich „Würde“? Und wie bringt man diese Themen Kindern (und Erwachsenen) nahe?
Wichtige Gesprächspunkte & Einsichten
Erster Eindruck und wie wir Menschen wahrnehmen
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Kernthese: Der erste Eindruck ist evolutionär bedingt, im Gehirn fest „verdrahtet“ und meist zutreffend.
„Sie sitzen im Café und es kommt jemand rein und Sie sehen ihn eine hundertstel Sekunde und Sie haben sofort einen Eindruck von ihm … in 90 Prozent der Fälle stimmt es.“
– Ferdinand von Schirach [02:48] -
Schönheit und Symmetrie: Unser Hirn empfindet Symmetrie als schön; Polyklet (antiker Bildhauer) legte Maßstäbe für „perfekte Schönheit“. Aber am Ende bleibt ein Rest Unerklärlichkeit.
„…es ist ein symmetrisches Gesicht, empfinden wir als schöner, als ein unsymmetrisches.“
– Ferdinand von Schirach [08:50] -
Vergleich und operative Eingriffe: Das Streben nach Aussehen wie in sozialen Medien führt zum Unglück. Vergleiche mit anderen sind problematisch.
„Der Vergleich mit anderen Menschen führt immer ins Unglück.“
– Ferdinand von Schirach [12:11]
Erzählkunst und die Bedeutung von Geschichten
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Geschichten erzählen als Gesellschaftskunst:
„Gute Unterhaltung ist immer anstrengend. Das geht gar nicht anders.“
– Ferdinand von Schirach [17:32] -
Daran üben Schriftsteller beständig:
„Ein Schriftsteller ist ja vollkommen schrecklich, der nutzt ja alles, um zu schauen, wie was funktioniert…man probiert das ja alles immer aus.“
– Ferdinand von Schirach [20:25] -
Offenheit und Neugier: Jeder erlebt viel, wenn er nur genau hinschaut und zuhört.
„…Wenn man ein bisschen offen ist, erlebt man schon sehr viel in unserer Welt.“
– Ferdinand von Schirach [22:14]
Die Kunst des „genauen Hinschauens“
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Erlernt bei einem Gerichtsmediziner:
„Der Trick darüber hinwegzukommen, ist, genau hinzusehen…dann verliert es seinen Schrecken.“
– Ferdinand von Schirach [26:56] -
Über Tabus (Folter, Gewalt):
Von Schirach muss Filmszenen mit Folter sofort abschalten.„Das bewusste Zufügen von Schmerzen ist für mich etwas so unvorstellbar Ekelhaftes.“
– Ferdinand von Schirach [30:47]
Buch „Alexander“ und das Nachdenken über Gerechtigkeit
Entstehungsgeschichte des Kinderbuchs
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Ursprung: Alte Kindheitserinnerung in Positano (30 Jahre zurück), Geschichten für den Patenkind-Jungen, Motivation durch ein Mosaik von Alexander dem Großen.
„…ich erfand für ihn diesen Alexander aus Caliste, um ihn sozusagen zu unterhalten…“
– Ferdinand von Schirach [35:54] -
Aktualität: Bezug auf Demokratiekrisen, amerikanische Verhältnisse, politische Grundfragen.
Was ist Gerechtigkeit? (Kompakte Ideengeschichte)
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Platon: Jedem das Seine, Gleiches gleich, Ungleiches ungleich
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Problematik: Wer legt fest, was „das Seine“ ist? (Missbrauchbar, sogar von den Nazis adaptiert.)
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Goldene Regel & Kants kategorischer Imperativ: Im Alltag und Recht limitierter Wert.
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Hans Kelsen: „Ich weiß nicht, was Gerechtigkeit ist.“ (ernüchternde Antwort)
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Bahnbrechend: John Rawls' Schleier des Nichtwissens
„…Sie wissen nicht mehr, wer Sie sind (...) Sie machen Gesetze, die nicht schlecht für Arme oder Sklaven sind, weil Sie ja in jedem Moment erwachen können und einer sind…“
– Ferdinand von Schirach [48:38] -
Zentrale Rawls-Regel: Ungleichheit nur zulässig, wenn sie den Schwächeren nutzt.
Gesellschaft & Politik: Reformbedarf, Steuern und Demokratie
Gerechte Steuern & Erbschaft
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Aktuelle Problematik: Steuergesetzgebung zu komplex, begünstigt Reiche.
„Umso komplizierter es wird, umso ungerechter wird es wieder…“
– Ferdinand von Schirach [66:03] -
Idee eines Fonds: Teil des Erbes unternehmerischer Anteile in staatliche Rentenfonds stecken, wie in Norwegen.
„Wenn ihr eure Firmenanteile zu einem Teil abgibt…zahlen, aber dafür gehören uns als dem Staat die Firmenanteile.“
– [62:29]
Reformunfähigkeit der Demokratie
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Koalitionssystem als Bremse für große Reformen:
„Das Problem, das wir im Moment in den Demokratien haben, wir haben keine absoluten Mehrheiten mehr…das ist unsere Demokratie.“
– Ferdinand von Schirach [76:41] -
Vorschläge: Begrenzte Amtszeit, mehr Entscheidungsfreiheit für Kanzler, weniger Kompromisszwang.
Menschenwürde: Begriff, Beispiele, Erklärbarkeit
Wie erklärt man „Würde“?
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Historisch späte Erfindung: Erst Aufklärung – der Mensch als Subjekt, nicht Objekt des Staates.
Formel: Kein Mensch darf zum Objekt gemacht werden.„…dass ein Mensch niemals zu einem Objekt gemacht werden darf, also zu dem Objekt des Staates beispielsweise.“
– Ferdinand von Schirach [86:02] -
Der „Weichensteller-Fall“:
Beispiel aus Ethik: Darf man einen töten, um viele zu retten? Fazit: Nicht verrechenbar, das Leben ist unendlich viel wert.„…Sie können nicht Unendlichkeiten gegeneinander abwägen.“
– Ferdinand von Schirach [91:55] -
Würde bleibt immer erhalten – auch bei schlimmsten Verbrechen oder unter größten Entwürdigungen.
Systematische Würdeverletzungen (z.B. Epstein-Fall)
- Gerechtigkeit fordert, dass solche Fälle Konsequenzen haben, auch wenn es oft nicht sichtbar ist. Trotzdem wird die Würde nicht „verloren“.
Über Kindheit, Familie, Sucht und Anstand
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Nahtoderfahrung:
„Das Sterben selbst ist nicht schlimm, zumindest wenn es so geschieht, nicht mit Schrecken verbunden.“
– Ferdinand von Schirach [115:15] -
Angst vor dem Tod:
Philosophie: Sokrates, Epikur – „Wenn wir da sind, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr da.“„Wir sind diese kleinen Männchen, … aber wir haben nicht die geringste Ahnung von irgendetwas.“
– Ferdinand von Schirach [124:01] -
Familiengeschichte und Alkohol:
Alkoholabstinenz teils als Anstand, teils aus persönlichen Gründen. -
Kindheitsfoto & Erinnerungen:
Beschriebene positive Erinnerungen – und ein prägendes Aha: „Nie übers Kinderkopf streicheln!“
Kunst, Kreativität & das Leben als Bademeister
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Kunst erlebt und erklärt: Anselm Kiefer als Beispiel (Kindlich, nicht intellektuell, pure Schöpfungskraft).
„Das ist Kunst in seiner pursten, reinsten, spielerischsten, freudhaftesten Großartigkeit, einfach das zu machen.“
– Ferdinand von Schirach [138:22] -
Das Leben gelingt in der Mitte:
„Wir haben ja vorhin gesprochen über die zwei Fragen Tod und wie kann das Leben gelingen? ... Das Leben kann nur in der Mitte gelingen.“
– Ferdinand von Schirach [127:53]
Ausgewählte Schlüsselmomente & Zitate (mit Timestamps)
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Über erste Eindrücke:
„Der erste schnelle Eindruck, den Sie haben, der ist fast immer richtig.“ [02:45] -
Über die Unauflösbarkeit der Frage nach Gerechtigkeit:
„Ich weiß nicht, was Gerechtigkeit ist.“ [45:24] (zitiert Hans Kelsen) -
Über Würde:
„Die Würde ist untrennbar mit Ihnen verbunden. Es ist nicht möglich, die Würde zu verlieren.“ [97:47] -
Über das Sterben:
„Das Sterben selbst ist nicht schlimm…nicht mit Schrecken verbunden.“ [115:15] -
Über die Schönheit der Unwissenheit:
„Wir wissen praktisch gar nichts. Ein winziges bisschen wissen wir…“ [125:04]
Wichtige Timestamps zu Themenwechseln
- Gesichts- und Ersteindrücke: [00:41] – [08:30]
- Operative Schönheit, Vergleiche: [10:35] – [13:46]
- Die Kunst, Geschichten zu erzählen: [16:59] – [22:09]
- Genaues Hinschauen (Gerichtsmedizin): [23:33] – [30:38]
- Einführung ins Kinderbuch / Buchentstehung: [31:33] – [38:41]
- Gerechtigkeit – Theorie bis Rawls: [38:59] – [53:47]
- Steuern & Umverteilung: [55:04] – [72:44]
- Demokratie und Reformvorschläge: [75:07] – [83:51]
- Würde, Recht, Beispiele: [84:23] – [99:11]
- Nahtoderfahrung & Tod: [114:12] – [124:01]
- Über Kunst, Kiefer, Kreativität: [132:24] – [140:35]
- Abschlussfragen, Kindheit, Talent: [141:00] – [148:42]
Fazit und Atmosphäre
Das Gespräch ist ein philosophischer Rundumschlag, tiefgründig und persönlich, stets humorvoll und anekdotenreich. Von Schirach überzeugt durch kluge Erklärungen, offene Bekenntnisse und eine seltene Gelassenheit gegenüber den großen Fragen – eine Folge zum Wiederholen, Nachdenken und Diskutieren.
Empfehlung: Wer tiefer einsteigen will, sollte Ferdinand von Schirachs neues Buch „Alexander“ lesen – für Erwachsene wie für Kinder. Und: Mehr zu Themen wie Würde, Gerechtigkeit und Gesellschaft in der Verwandtenfolge mit Richard David Precht.
