Make Economy Great Again
Episode: "Der Kapitalismus, den wir verlieren, war Heimat."
Date: February 3, 2026
Host: WELT – Ulf Poschardt (A), Daniel Stelter (C), Segment Voice (B)
Überblick: Hauptthema & Episode Purpose
Die Folge diskutiert die wirtschaftliche Stagnation Deutschlands und den drohenden Verlust nicht nur industrieller, sondern auch kulturell-identitätsbildender Substanz durch die Krise des Kapitalismus. Ausgangspunkt ist das Sterben traditioneller Betriebe wie Metzgereien, das stellvertretend für größere Fehlentwicklungen im Standort Deutschland steht – von überbordender Bürokratie bis zur Sozialstaatsproblematik. Im Zentrum steht die Kernfrage: Was braucht es – an Reformen, politischem Mut und kulturellem Wandel –, um ein neues Wirtschaftswunder möglich zu machen?
Wichtigste Diskussionspunkte und Einblicke
1. Niedergang des Mittelstands als Spiegel gesellschaftlicher Probleme
- Metapher Metzgerei: Ulf Poschardt schildert das Ende einer Metzgerei nach 127 Jahren als Symbol für den Niedergang deutscher Wirtschafts- und Alltagskultur. Die Metzgerei sei mehr als ein Warenumschlagsplatz, sondern sozialer Begegnungsort und Teil emotionaler Identität, „Heimat“ (04:00).
- Daniel Stelter: Betont, dass das Sterben dieser "Hidden Champions" aller Größenordnungen (vom Mittelständler bis zum lokalen Handwerksbetrieb) den Kern des deutschen Kapitalismus trifft: „Wir sollten Champions helfen, Champions zu bleiben. Und genau das Gegenteil passiert.“ (05:47)
2. Kritik an der Sozialstaatsdebatte und fehlenden Reformen
- Poschardt geißelt die politische und mediale Debatte als „zynisch“ und realitätsfern – insbesondere, dass jegliche Reformbestrebungen sofort mit sentimentalen Argumenten abgeschmettert werden (07:10).
- Politische Kommunikationsprobleme: Beide kritisieren, dass auch bürgerliche Politiker angestoßene Reformideen kommunikativ schlecht verkaufen und beim ersten Gegenwind schnell zurückrudern. (23:44)
- Infantilisierung und Sentimentalität: Die Autoren sehen eine gesellschaftliche Mentalität, die notwendige Reformen als unzumutbar ausblendet – „Die Diskussion um die Sozialreform wird eigentlich von Würmern für Würmer geführt.“ (35:01)
3. Systemische Probleme der Standortpolitik und Migration
- Fehlerhafte Standortpolitik: Stelter konstatiert eine systematische Schwächung Deutschlands („Immer höhere Steuerabgaben, Energiepolitik, Bürokratie… sechs Jahre Stagnation…“ – 13:22).
- Kosten des Sozialstaats: Stelter referenziert Studien, nach denen die Zuwanderung netto einen massiven fiskalischen Druck bedeutet, gerade weil Deutschland es versäumt habe, auf qualifizierte Migration zu achten („Raffelhüschen sagt, dass Zuwanderung uns quasi 5000 Milliarden kostet…“ – 20:20).
- Zitat Friedman: „Du kannst nicht einen Sozialstaat haben und offene Grenzen zum Sozialstaat.“ (13:22)
4. Scheitern des politischen Diskurses und kultureller Mainstream
- Linke und Grüne Macht über den Diskurs: Poschardt sieht eine "ökonomische Komplettverblödung" des Diskurses, in dem Unternehmer reflexhaft als das Problem gelten (24:38). Reformbereitschaft werde durch diesen medial-kulturellen Bias zersetzt.
- Forderung nach Eigentumsförderung: Stelter plädiert für die Eigentumsbildung als Gegengift: „Wir müssen Bürgern erleichtern, ihre Wohnung zu kaufen“ (32:51)
5. Soziale und fiskalische Umverteilung: Zahlen und Realitäten
- Belastung der Leistungsträger: Stelter detailliert, dass selbst „Gutverdienende“ unterm Strich Nettoeinzahler sind und erkennt das Dilemma der Finanzierung eines immer teureren Sozialstaats gerade mit Blick auf Migration und Demografie (17:41).
- Motivationsdilemma: Die aktuellen Anreizstrukturen belohnen aus Sicht der Hosts Teilzeit, geringe Erwerbsbeteiligung – mit hoher steuerlicher und sozialstaatlicher Belastung für die, die Leistung erbringen. (15:50)
6. Marktwirtschaftlicher Pragmatismus statt Ressentiments
- Nicht Ausländerfeindlichkeit, sondern Leistungsprinzip: Poschardt positioniert sich explizit gegen rechte Ressentiments, betont die Offenheit auch für Migration – „Ich freue mich über den queeren äthiopischen Nuklearphysiker…“ – aber nur, wenn Leistung, Qualifikation und Integration gegeben sind (30:35).
- Mündigkeit und Bürgerlichkeit: Poschardt beklagt ein menschenbildliches Defizit im Diskurs, der die Eigenverantwortung (Kant!) und Mündigkeit des Bürgers unterminiere (35:01).
7. Kapitalmärkte und Finanzsystem: Gold, Krypto, Zinsen
- Kryptos und Gold: Kurze Analyse des jüngsten Preissturzes bei Gold, Krypto, Silber – getrieben durch Spekulationen und Zinspolitik. Stelter sieht Gold v. a. als langfristiges Wertaufbewahrungsmittel, aber warnt vor kurzfristigen Erwartungen (41:36).
- US-Zentralbankpolitik: Diskussion über einen potenziellen Politikwechsel durch einen neuen, weniger Wall Street-freundlichen Notenbankchef (Kevin Walsh), seinen Effekt auf die Realwirtschaft und langfristige Vermögensungleichheit (44:55).
Bemerkenswerte Zitate und Momente
-
Emotionalität und Identifikation:
"Die Metzgereien sind... auch Begegnungszentren... Wir sind nicht nur Kunden, sondern es ist irgendwie mehr."
– Ulf Poschardt (02:21) -
Kapitalismus für Menschen, nicht nur Märkte:
"Der Kapitalismus dient den Kunden, dient den Menschen. ... Wir haben in allen drei Klassen tolle Unternehmen, und wir sollten Champions helfen, Champions zu bleiben. Und genau das Gegenteil passiert."
– Daniel Stelter (05:36) -
Reformstau und Sentimentalität:
"Diese Gesellschaft ist so infantilisiert und voller Sentimentalitäten, die wir uns schon lange nicht mehr finanzieren können."
– Ulf Poschardt (08:55) -
Milton Friedman über Einwanderung:
"Du kannst nicht einen Sozialstaat haben und offene Grenzen zum Sozialstaat."
– Daniel Stelter (frei nach Milton Friedman, 13:22) -
Systemische Warnung:
"Wir haben den Punkt erreicht, den Kipppunkt am Kipppunkt erreicht."
– Daniel Stelter (22:34) -
Migration und Sozialstaat:
"Diese Migration ist der Untergang für den Sozialstaat. Und es wissen auch die, die jetzt sagen, es ist zynisch, so zu sprechen..."
– Ulf Poschardt (28:23) -
Über Bürgerlichkeit und Unmündigkeit:
"Das Menschenbild dieser Debattenführung [...] ist ein Menschenbild radikaler Unmündigkeit. Und damit ist es ein antibürgerliches Bild."
– Ulf Poschardt (35:01) -
Kapitalmarktperspektiven:
"Gold ist im Prinzip ein Wertaufbewahrungsmittel ... Wer ganz lange denkt, sollte einen gewissen Anteil einfach im Gold haben."
– Daniel Stelter (42:46)
Wichtige Timestamps (MM:SS)
- 00:00–03:00: Intro, Setting, Story der sterbenden Metzgerei
- 04:00–06:30: Kapitalismus, Mittelstand, Hidden Champions & Identität
- 07:10–12:10: Sozialstaatsdebatte, politische und mediale Zynismen, Reformerfordernis
- 13:22–23:44: Standortpolitik, Migration, fiskalische Effekte, Verteilungsfragen, Zitate Friedman & Raffelhüschen, Kritik an Energie-, Steuer-, und Bürokratiepolitik
- 23:44–28:23: Diskurshoheit, Medien, Rolle der Grünen, kulturelles und politisches Scheitern
- 28:23–32:51: Migration, Integration, Rolle qualifizierter Einwanderung, Beispiele aus Dänemark/Skandinavien
- 32:51–35:01: Eigentumsförderung, Demokratisierung von Vermögen, Kritik an linker Politik
- 35:01–39:23: Mündigkeit, Infantilisierung, Kant, Schmerz und Reformunwilligkeit
- 41:36–48:17: Gold, Krypto, Finanzsystem, Rolle der Zentralbanken, Vermögensungleichheit
- 49:36–50:08: MEGA-Quickie: Bundestagspauschale – „Kann das weg?“
Fazit und Takeaways
- Die wirtschaftliche, politische und kulturelle Lage in Deutschland ist laut den Hosts kritisch: Stagnation, Politikunfähigkeit, dysfunktionale Anreizsysteme.
- Ein neues Wirtschaftswunder bedingt nicht nur Reformen in Sozialstaat, Steuer-, und Arbeitsmarktpolitik, sondern auch einen mentalen und kulturellen Wandel hin zu Eigenverantwortung, Mündigkeit und Leistungsbereitschaft.
- Migration ist Chance und Risiko – entscheidend ist das Setzen kluger Anreize und Selektion (TT:28:23, 31:22).
- Kapitalismus ist weit mehr als ein Marktmechanismus; er ist identitätsstiftend und sozial – sein drohender Verlust trifft die Gesellschaft im Kern.
- Politischer Mut, klügere Diskussionskultur und Ownership sind die Stichworte, mit denen die Hosts den Ausweg skizzieren.
- "Es gibt keine Besserung, zieht eure Konsequenzen daraus." – Daniel Stelter (39:23)
Stimmung & Ton
Die Diskussion ist sachlich, pointiert, bewusst polemisch, aber stets faktenbasiert. Weder zynisch noch rechtslastig, sondern deutlich marktwirtschaftlich-pragmatisch mit einem Appell an bürgerliche Mündigkeit und Eigenverantwortung. Die Auseinandersetzung mit Politik(er/innen), Medien und Gesellschaft ist engagiert bis anklagend, bleibt aber in Sprache und Haltung aufklärerisch.
Empfehlungen für den Hörer
Diese Episode eignet sich vor allem für Hörer, die jenseits des Mainstreams pointierte Analysen zu den wirtschaftspolitischen Fundamentalkonflikten der Bundesrepublik wünschen, und die den Mut haben, unbequeme Wahrheiten und alternative Diskussionskulturen zuzulassen.
