Podcast Summary
Make Economy Great Again
Episode: Europa im falschen Film
Host: WELT
Guests: Daniel Stelter (Ökonom), Ulf Poschardt (WELT-Herausgeber)
Date: January 22, 2026
Überblick: Hauptthema und Ziel der Episode
In "Europa im falschen Film" diskutieren Ulf Poschardt und Daniel Stelter den wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands und Europas sowie die geopolitischen Herausforderungen. Ausgangspunkt sind die aktuellen Debatten des Weltwirtschaftsforums in Davos, insbesondere Reden politischer Schwergewichte wie Milei, Trudeau und Trump. Die Gastgeber analysieren kritisch die Realitätsferne der deutschen und europäischen Eliten, ihre verpassten Chancen und die Zunahme innenpolitischer Polarisierung – mit Blick auf mögliche Wege aus der Krise.
Zentrale Diskussionspunkte & Kernaussagen
1. Europas und Deutschlands Schwäche auf der Weltbühne
- Davos und globale Realitäten:
- Davos erlebt wieder einen Bedeutungsaufschwung als Schauplatz großer weltpolitischer Debatten. (00:58)
- Mileis Rede vor zwei Jahren wird als Paradigmenwechsel gefeiert; Trudeaus und Trumps aktuellere Beiträge zeigen den Zerfall multilateraler Strukturen und eine neue Offenheit für Machtpolitik. (00:58–02:20)
- Europas Rolle: Fragmentiert und realitätsfern:
- Stelter: „Europa ist gekennzeichnet ... durch eine Mittelmacht, die ... immer noch in der Traumwelt leben.“ (04:45)
- Fehlende wirtschaftliche und militärische Stärke macht Europa politisch bedeutungslos.
- Beispiel Mercosur-Abkommen: Deutsche und Europäische Politik verhindert durch Überregulierung und Bedenken wirtschaftliche Chancen, zementiert so die eigene Schwäche. (02:35–05:36)
2. Konkurrenz durch China und USA – Versäumnisse der deutschen Wirtschaft
- Chinas Aufstieg:
- China hat Deutschland technologisch überholt und ist 30–40 % günstiger in der Produktion. (03:30)
- „Die Chinesen haben uns technologisch überholt." (Stelter, 03:41)
- Risikospiel um Ressourcen und Märkte:
- Der Klimawandel begünstigt neue Handelsrouten und erhöht die geopolitische Bedeutung von Regionen wie Grönland.
- China und die USA teilen faktisch die Welt unter sich auf, stützen ihre Position durch gezielte Industrie- und Energiepolitik, während Europa zögert. (10:33–15:44)
- Talentschwund und Abfluss von Innovation:
- Start-ups und Talente wandern mangels Anreize und Rahmenbedingungen in die USA ab; Europa verkommt zum „Museum mit hohem moralischem Anspruch“. (13:38–15:05)
3. Deutschlands Wirtschaftspolitik: Realitätsverlust und Selbstschädigung
- Teure Energie und Deindustrialisierung:
- Die Energiewende wird als teuer und ineffizient kritisiert – Erneuerbare sind im System teuer, was zur Deindustrialisierung führt. (05:00–05:45)
- Bildungspolitik als Standortnachteil:
- Alarmierend schlechte Leistungen, fehlender Fokus auf mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzen, Innovationsschwäche – dies wird als eine der größten Bedrohungen gesehen. (07:03, 34:44)
- Arbeitsmoral und Leistungsbereitschaft:
- Kritisiert wird die „Work-Life-Balance“-Mentalität, vier-Tage-Woche, hohe Krankenzahlen.
- „Du musst sagen, wir müssen viel, viel härter arbeiten.“ (Poschardt, 34:48)
- Sozialstaat auf Kosten von Zukunftsinvestitionen:
- „Wir haben in Sozialstaaten in den letzten 25 Jahren massiv ausgebaut. Zu Lasten der Verteidigung ... und Bildung.“ (Stelter, 06:32)
- Steuern, Bürokratie, Vermögen:
- Geplante Vermögensabgaben und Erbschaftsteuer gefährden Familienunternehmen und öffnen Käufer wie China Tür und Tor. (37:33–39:10)
4. Gesellschaftliche Polarisierung und Instabilität
- Wirtschaftliche Schwäche fördert gesellschaftliche Spaltung:
- Studien zeigen, dass sinkender Wohlstand immer mit wachsender Unzufriedenheit und Instabilität einhergeht.
- „Eine Steigerung des Wohlstands ist keine Garantie für mehr Glück. Eine Senkung des Wohlstands ist Garantie für weniger Glück, für mehr Unzufriedenheit.“ (Stelter, 21:11)
- Harte, unversöhnliche Debattenkultur:
- Debatten eskalieren schnell; Mangel an gegenseitigem Verständnis. Medien und Politik setzen auf Beschwichtigung und Schönreden, statt Probleme realistisch zu adressieren. (16:18–25:30)
- Verlust des Vertrauens in Institutionen:
- Nur noch ein Bruchteil der Deutschen vertraut Medien (22 % Allensbach), 81 % empfinden die Gesellschaft als gespalten. (29:50)
5. Reichtum, Armut und die Oxfam-Studie
- Kritik an Gleichmacherei:
- Oxfam-Berichte werden als plakativ und unwissenschaftlich kritisiert. Der Fokus auf Milliardäre blendet globale Fortschritte in Armutsbekämpfung aus. (30:06–33:53)
- „Die Milliardäre, die dort sind, sind Milliardäre geworden, weil sie ... der Menschheit das getan haben, dass es der Menschheit besser geht.“ (Stelter, 31:26)
- Lösung für Ungleichheit: Bildung und Leistungsanreize statt reine Umverteilung. (33:53)
6. Automobilindustrie & Elektromobilität
- Politisch herbeigeführte Strukturkrise:
- Die deutsche Industrie habe die E-Auto-Wende nicht verschlafen, sondern wurde durch politische Vorgaben ins Abseits gezwungen. Chinesische Hersteller nutzen die entstandene Lücke. (44:28–45:24)
- „Wir haben uns eine Schlüsselindustrie … grundlos kaputt gemacht.“ (Stelter, 45:11)
- Fragwürdige Subventionspolitik:
- E-Auto-Subventionen wirken wie eine Umverteilung zu Gunsten wohlhabender Käufer und helfen indirekt chinesischen Herstellern. (46:49)
- Ladeinfrastruktur und Stromkosten als Hauptbremsen, statt wie suggeriert der Kaufpreis.
7. Fehlende Selbstbehauptung und politische Ambitionslosigkeit
- Generelle Tendenz, nationale Interessen zu vernachlässigen (am Beispiel China, Italien, EU):
- Deutschland verschenkt Ressourcen und Gestaltungsspielräume (z. B. Entwicklungshilfe für China/Indien, Mehrausgaben für andere EU-Länder), während andere Länder wie Italien klüger eigene Interessen verfolgen. (47:08–49:40)
- Wunsch nach konstruktiver (!) Kritik statt Pauschalpessimismus:
- „Uns geht es hier nicht ums Runtermachen, sondern ... um das Eye Opening. Sehen, was ist und dann sagen, was ist – und Hinweise geben, wie es besser gehen könnte.“ (Poschardt, 52:21)
Besondere Zitate & Memorable Moments
- Zur europäischen Realitätsverweigerung:
- „Wir sind im völlig falschen Film. Noch klarer als Donald Trump kann es keiner sagen, aber es will keiner wahr.“ (Stelter, 07:33)
- Zur Schärfe gesellschaftlicher Debatten:
- „Giftigkeit, Unversöhnlichkeit, Härte und Brutalität in den Auseinandersetzungen schon am Anfang dieses Jahres ... eine umfassende Abgekämpftheit ... Verpanzerung der Lager.“ (Poschardt, 16:30)
- Über das Dilemma der (falschen) politischen Prioritäten:
- „Wir haben einen stagnierenden Kuchen. Wir haben Politiker, die behaupten, durch Umverteilung ... würde das Problem gelöst werden. Nein, lösen wir nicht.“ (Stelter, 24:01)
- Über deutsche Wirtschaftspolitik und die Automobilindustrie:
- „Die Politik hat die Trendwende zu Elektroauto übers Knie gebrochen in Europa ... Wir haben uns eine Schlüsselindustrie ... grundlos kaputt gemacht.“ (Stelter, 44:28)
- Zur Oxfam-Studie:
- „Das ist eben dieses Nullsummendenken nach dem: Den anderen geht’s so gut, weil’s den anderen so schlecht geht. Das ist aber nicht so.“ (Stelter, 31:05)
Timestamps – Wichtige Abschnitte
- 00:58–03:07 – Davos-Analyse & globale Machtverschiebungen
- 03:07–08:32 – China/USA-Konflikt, Europas globale Bedeutung, Technologie- und Industriestandort
- 16:18–21:07 – Gesellschaftliche Polarisierung & Debattenkultur
- 21:07–25:30 – Wirtschaftlicher Niedergang, Sozialsystem & Vertrauensverlust
- 29:50 – Studien zu Polarisierung & Vertrauensverlust in Medien
- 30:06–33:53 – Oxfam-Studie, Vermögensungleichheit, Bildung als Schlüssel
- 34:44–41:09 – Bildungskrise, Arbeitsmoral, Einfluss auf soziale Mobilität
- 44:28–49:40 – Elektromobilität, Subventionspolitik, Versagen der Standortsicherung
- 47:08–49:40 – Fehlende Selbstbehauptung Deutschlands in Europa
- 50:03–53:10 – “Mega oder kann das weg?”: Zuhörerfragen, Davos, Merz
Fazit & “Meta-Botschaft”
Der Podcast nimmt kein Blatt vor den Mund: Deutschland und Europa befinden sich aus Sicht der Hosts und des Gastes auf einem gefährlichen Sonderweg – geprägt von Realitätsverweigerung, Innovationsschwäche und ineffektiver Politik. Die wichtigsten Auswege sehen Stelter und Poschardt in einer Rezentrierung auf wirtschaftliche Vernunft, Bildung und die Rückbesinnung auf tatsächliche Stärken, gepaart mit mehr Klarheit und weniger ideologischer Selbsttäuschung.
Abschließendes Zitat (Poschardt, 52:21):
„Uns geht es nicht ums Runtermachen, sondern ums Eye Opening. Sehen, was ist, und dann sagen, was ist – und Hinweise geben, wie es besser gehen könnte.“
