Podcast Summary: Make Economy Great Again
Episode: MEGA Live – Wehrdienst, Rente und ein besonderer Fan-Boy-Moment
Date: November 20, 2025
Host: WELT
Guests: Ökonom Daniel Stelter, WELT-Herausgeber Ulf Poschardt
Language: German
Übersicht
In dieser lebhaften Live-Ausgabe diskutieren Daniel Stelter und Ulf Poschardt (teils mit Publikum) die drei großen Hebel eines deutschen Neustarts: Wehrdienst, Rente und Bildung. Offen und teils selbstironisch sezieren sie, wie in einer alternden Gesellschaft häufig die Jungen von den Alten ausgebremst werden, warum Deutschlands Wirtschaft schwächelt und was für eine Renaissance des Wirtschaftswunders nötig wäre. Es geht um viel Frust, einige Lösungsansätze – und einen sehr persönlichen (und humorvollen) Einblick in das Verhältnis der beiden Gastgeber.
1. Einstieg & Persönliches (00:00–05:39)
Kennenlerngeschichte und Dynamik
- Ulf Poschardt berichtet humorvoll von seinem „Fanboy“-Moment, als er Daniel Stelter erstmals 2023 im TV sah und sofort zum Lunch einlud:
- Zitat, Ulf: „Wie bei vielen großen Punkrock Geschichten fing das mit dem Fanboy Moment an.“ (01:05)
- Beide schildern, wie sie – entgegen der üblichen Gewohnheiten – spontan und unstrukturiert gemeinsam den Podcast starteten, der eigentlich auf die Bundestagswahl begrenzt sein sollte.
- Daniel Stelter bemerkt:
- Zitat, Daniel: „Es fing sozusagen wirklich so ein bisschen chaotisch an, ist chaotisch geblieben.“ (05:14)
- Sie betonen die Bedeutung des Podcasts als Sprachrohr für die wirtschaftspolitisch ungehörten Stimmen und bedanken sich für das viele Feedback.
2. Wehrdienst: Pflicht, Sinn und Zweifel (05:40–26:09)
Einstieg in die Wehrpflichtdebatte (05:40)
- Ulf Poschardt (Vater zweier Söhne im wehrpflichtigen Alter) wirft die Grundsatzfrage nach dem Sinn der Wehrpflicht auf, insbesondere: Für wen und was soll gekämpft werden?
- Zitat, Ulf: „Können Berufssoldaten das nicht viel besser als irgendwelche Freiwilligen, die eigentlich eh keinen Bock drauf haben?“ (06:27)
- Zitat, Ulf: „Für mich ist es weniger eine abstrakte Diskussion, sondern ganz konkret, man weiß, wer gemeint ist.“ (05:58)
Stelter: Voraussetzungen für Wehrdienst fehlen (09:19)
- Daniel Stelter äußert Zweifel, ob das Gemeinwesen aktuell funktional genug ist, um Wehrdienst zu fordern.
- Zitat, Daniel: „Wenn du ein funktionsfähiges Gemeinwesen hast mit einer Nation, wo die Bürger stolz sind auf das Land … dann finde ich, ist ein Dienst an diesem Land durchaus gerechtfertigt. Ich teile aber deine Einschätzung leider Gottes, dass vieles bei uns nicht so richtig läuft.“ (09:31)
- Plädiert für eine professionelle Freiwilligenarmee statt allgemeiner Wehrpflicht vor dem Hintergrund der schlechten Organisation und des geringen Vertrauens in die Bundeswehr:
- Zitat, Daniel: „Ich persönlich bin eher für eine Berufsarmee, eine Freiwilligenarmee, die gut bezahlt ist, die Top Qualität ist.“ (10:42)
Gesellschaftlicher und ökonomischer Kontext (12:53)
- Ulf kritisiert, dass die Wehrpflichtdebatte ideologisch überladen und von Misstrauen geprägt ist (Stichwort: Corona, Zweiklassengesellschaft, Elitenschutz).
- Zitat, Ulf: „Mein Misstrauen diesen etablierten Eliten gegenüber ist oder meine Angst auch als Vater, die sorgen dafür, dass ihre Kinder alle nicht ausgezogen werden.“ (16:46)
- Beide diskutieren die Gerechtigkeit von Losverfahren und Doppelstaatsbürgerschaft in der Wehrpflicht (18:23ff).
Positiver Spin: Innovationspotenzial durch Military-Startups (19:34)
- Daniel: Militärische Forschung könnte Innovationsschübe, besonders bei „Dual Use“-Technologien, bringen, ähnlich wie in den USA und Israel.
- Zitat, Daniel: „Theoretisch könntest du sagen, wir können damit wirklich die Technologie auch voranbringen.“ (19:43)
- Ulf: In Israel sei Dienst ein existenzielles Commitment – diese „Kohäsion“ und klare Selbstverständnis fehle Deutschland. (23:10)
3. Rente: Das destruktive Ponzi-System (26:09–56:32)
Generationenkonflikt und Ungerechtigkeiten (26:09)
- Ulf bemängelt, dass die Alten auf Kosten der Jungen über das künftige Gesellschaftsmodell bestimmen:
- Zitat, Ulf: „Das finde ich eigentlich ungeheuerlich, weil auch das ist eine Entsolidarisierung.“ (26:28)
- Er kritisiert die Langeweile und Ideenlosigkeit der alternden Gesellschaft.
Stelter erklärt das Rentensystem und seine Schwächen (35:25)
- Einstufung unseres Rentensystems als Ponzi-System: Neueinzahlungen zahlen die laufenden Bezüge, langfristig mathematisch nicht nachhaltig.
- Zitat, Daniel: „Das ist das deutsche Rentensystem, weil wir haben Empfänger. Die Empfänger bekommen Geld von Leuten, die einzahlen, in der Hoffnung, dass in Zukunft wieder welche da sind, die einzahlen.“ (36:13)
- Politik verspreche Sicherheit ohne echte Lösungen zu liefern: „Das ist eine Frechheit.“ (38:55)
- Mangel an qualifizierter Zuwanderung und hohe Abwanderung verschärfen das Problem.
Dänisches Modell und deutsche Angst vor Reformen (39:58–43:23)
- Ulf verweist auf Dänemark: dort wurde Renteneintrittsalter mit parteiübergreifendem Konsens bis auf 74 erhöht; warum tut sich Deutschland so schwer?
- Zitat, Ulf: „Wenigstens ehrlich, ich glaube nicht, dass es ehrlich ist, glaube ich einfach feige. Wenn du Angst vor deinen Wählern hast, dann solltest du nicht Politik machen, weil Politik heißt Führung und Politik heißt Dinge zu machen, die unangenehm sind.“ (41:55)
- Daniel kritisiert das deutsche Unvermögen, Konsens- oder Generationen-übergreifende Lösungen zu erreichen.
Junge Bewegung in der Union als Hoffnungsschimmer (43:37ff, 53:38)
- Ulf feiert die „Junge Union“ für ihre Reformbereitschaft und den Mut zur „Vernunft“-Agenda.
- Debatte um „Haltelinie“ und falsche Vergleiche mit Österreichs Rentenmodell.
- Klarstellung: Renten-„Armut“ ist statistisch differenziert zu betrachten; viele Widersprüche im politischen Diskurs.
Rentensystemreform – konkrete Vorschläge (50:07)
- Daniel empfiehlt:
- Abschaffung Rente mit 63 (50:07)
- Bonus nicht fürs frühe Aufhören, sondern längere Arbeit (50:24)
- Abgaben runter, Arbeit attraktiver machen
- Rentensystem ehrlich machen – Lebensarbeitszeit hoch, realistische Anpassungsformeln
Politische Strategie und Sozialpopulismus (53:38)
- Daniel: Die SPD nutze die Rentenfrage, um größere Umverteilungen und Steuererhöhungen politisch zu rechtfertigen – koste es, was es wolle.
- Zitat, Daniel: „Im Klartext, was sie sagen ist, wir schaffen so ein riesen Finanzloch und das decken wir dann einfach, indem wir umverteilen.“ (54:10)
- Ulf ergänzt: Das sei eigentlich zynische, destruktive Politik wider besseren Wissens. (56:35)
4. Bildung: Die Mutter aller Tragödien (61:22–89:50)
Bildung als Schlüssel, chronisch unterschätzt (61:22)
- Ulf und Daniel beobachten, wie Wirtschaftskompetenz und Eigenverantwortung in deutschen Schulen systematisch vernachlässigt werden. Daniel berichtet von positiven Erfahrungen z.B. im britischen System, wo wirtschaftliche Kompetenz und Mathe schülernah vermittelt werden. (63:31)
- Kritik an der linken Prägung in Wirtschaftsschulbüchern, Bebilderung der Unternehmer als Bösewichte (66:21–67:25)
Bildungsnotstand: Statistiken und Frust (72:15)
- Dramatischer Bildungsabfall: 25% der Viertklässler können nicht richtig lesen, besonders stark in Berlin/Bremen (74:30).
- Ulf: „Wir versündigen uns an den syrischen Kindern, an den bildungsfernen türkischen Kindern ... und wir lassen die alle alleine ... Die Schulen, die wir in Teilen in Deutschland haben, das ist im Grunde genommen Kindesmissbrauch.“ (78:05–78:54)
Leistungsbiegsamkeit, bürgerliches Erziehungsversagen (78:54)
- Kritik an der Erosion des Leistungsprinzips, dem Rückzug bürgerlicher Eltern aus dem öffentlichen Bildungssystem und der Entstehung einer „Bildungsklassengesellschaft“.
Lösungsansätze und Resignation (ab 86:25)
- Daniel fordert MINT-Fokus, lebensnahe Ausbildung, Reduktion von Fächern und kein Zwangsabitur für alle (86:57ff).
- Beide sehen eine nationale Bewegung für Bildung und Chancengleichheit als nötig, aber schwer durchzusetzen.
5. Fazit: Reformen, Realismus und Appell an Bürgerverstand (89:50–90:42)
- Daniel: Nicht mehr Geld löst die Probleme (Rente, Bildung, Gesundheit), sondern mutige und ehrliche strukturelle Reformen.
- Zitat, Daniel: „Wir brauchen halt mehr ökonomische Bildung, damit die Bürger den Politikern ihre ständigen Märchen, die sie erzählen, nicht durchgehen lassen.“ (89:50)
- Ulf schließt ironisch und idealistisch: Make education great again!
Notable Quotes & Moments
- Fanboy-Moment (01:05)
Ulf: „Wie bei vielen großen Punkrock Geschichten fing das mit dem Fanboy Moment an.“ - Zur Wehrpflicht (09:31):
Daniel: „Wenn du ein funktionsfähiges Gemeinwesen hast ... dann finde ich, ist ein Dienst an diesem Land durchaus gerechtfertigt ... ich teile aber deine Einschätzung ... dass vieles bei uns nicht so richtig läuft.“ - Rente als Ponzi-Schema (36:13):
Daniel: „Das ist das deutsche Rentensystem ... in der Hoffnung, dass in Zukunft wieder welche da sind, die einzahlen.“ - Dänemark-Vergleich (41:55):
Ulf: „Wenn du Angst vor deinen Wählern hast, dann solltest du nicht Politik machen ...“ - Bildungsnotstand (78:54):
Ulf: „Die Schulen ... das ist im Grunde genommen Kindesmissbrauch.“ - Ernüchtertes Fazit (89:50):
Daniel: „Wir brauchen halt mehr ökonomische Bildung, damit die Bürger den Politikern ihre ständigen Märchen ... nicht durchgehen lassen.“
Wichtige Timestamps
| Segment | Thema | Timestamp | |---|---|---| | Persönliche Historie/Argumentation | 00:00–05:39 | | Wehrdienst (Pflicht, Moral, Zweifel) | 05:40–26:09 | | Rente (Generationenkonflikt, Ponzi-System, Missstände) | 26:09–56:32 | | Politisches Framing, Bildungseinleitung | 61:22–65:46 | | Bildungsnotstand, Systemkritik | 72:15–89:50 | | Resümee und Appell | 89:50–90:42 |
Zusammenfassung
In dieser lebhaften und stellenweise bitter-ironischen Episode analysieren Stelter und Poschardt tiefgründig die großen deutschen Dauerbaustellen: Wehrpflicht, Rente und insbesondere Bildung. Sie entlarven systemische Missstände, schieben Selbstkritik und großen Frust nicht von sich, zeigen aber immer wieder auch konstruktive und internationale Lösungswege auf. Resümierend fordern sie vor allem mehr Ehrlichkeit, ökonomische Bildung und eine Generationengerechtigkeit, die nicht nur auf dem Papier existiert – und wünschen sich letztlich eine gesellschaftliche Renaissance des wirtschaftlichen Denkens.
Für alle, die nicht zuhören konnten:
Diese Folge bietet eine schonungslose Inventur des deutschen Selbstmanagements anhand von Wehrpflicht, Renten- und Bildungspolitik, gepaart mit viel Ironie und dem klaren Appell: Reformen sind überfällig, Generationengerechtigkeit ist keine Utopie und wirtschaftliche Bildung das Fundament für jede politische Erneuerung.
