Make Economy Great Again
Podcast Summary: "Ökonomen-Check: Wer prägt die Wirtschaft – und wer nur die Debatte?"
Host: WELT (Ulf Poschardt), Guest: Daniel Stelter
Date: July 23, 2025
Episode Focus:
Eine Debatte über die Bedeutung von Ökonominnen – wer prägt wirklich Wirtschaft und Politik und wer gestaltet (nur) öffentliche Debatten? Wer sind die wichtigsten Ökonominnen früher und heute? Und wie werden sie in der öffentlichen Wahrnehmung dargestellt?
Hauptthema und Zweck der Episode
Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise. In diesem "Ökonomen-Check" sprechen Daniel Stelter und Ulf Poschardt darüber, welche Ökonominnen entscheidend zur Entwicklung und Zukunft der deutschen und internationalen Wirtschaft beitragen. Wer beeinflusst aktuell die Debatten – und gibt es auch "Ökonomiedarstellerinnen", die vor allem medial sichtbar sind? Die Gastgeber streifen dabei die Frage, wie Ökonomie zwischen Analyse und Ideologie oszilliert, wo ihre Ursprünge liegen, und welche Persönlichkeiten (historisch wie aktuell) als Vorbild dienen könnten.
Wichtige Gesprächspunkte & Einblicke
1. Einstieg: Was macht Ökonomie und Wirtschaftsstandort groß? (ab 00:01)
- Unternehmer, Freiheit, Rahmenbedingungen: Ulf betont, dass Unternehmertum und freiheitliche Rahmenbedingungen entscheidend sind. Ökonom*innen sollten Politikern vor allem Hinweise geben, wie man möglichst viel Freiraum lässt.
- Zitat Thomas Sowell (01:36):
"Ein Ökonom ist jemand, der dir morgen erklären kann, warum das, was er gestern vorhergesagt hat, heute nicht eingetreten ist."
2. Ökonomie zwischen Wissenschaft und Ideologie (ab 02:59)
- Subjektivität der Rankings: Daniel Stelter weist darauf hin, dass alle Ökonomie-Rankings subjektiv sind und Analysen immer auch von Ideologie und Präferenzen geprägt werden.
- Sozialwissenschaftliche Einordnung:
"Die Volkswirtschaftslehre oder Nationalökonomie ist eine Sozialwissenschaft. Das heißt, es hat mehr zu tun mit Politikwissenschaft und Soziologie..." (03:09, Daniel Stelter) - Warnende Stimmen in der Geschichte: Exemplarisch erwähnt Daniel Ökonomen wie William White und Hyman Minsky, die frühzeitig vor Krisen gewarnt aber ignoriert wurden.
3. Ursprung der Ökonomie und das Zusammenspiel von Analyse und Normativität (ab 05:45)
- Adam Smith als Begründer, aber mehr als 'unsichtbare Hand': Adam Smith steht für die Verschränkung von Analyse (Wohlstand der Nationen) und moralischer Dimension (Theorie der ethischen Gefühle).
- Schon in der Antike ökonomisches Denken: Daniel und Ulf sprechen über Marcus Terentius Varo, der bereits im alten Rom ökonomische Prinzipien formulierte (08:35).
- Verteilungsfragen und Rolle von Ökonomen: Sie betonen, dass Gerechtigkeitsfragen letztlich politische Fragen sind; Ökonomen sollten Instrumente zur Zielerreichung vorschlagen, aber nicht selbst die Ziele setzen.
4. Persönliches Ranking — Deutschsprachige Ökonom*innen (ab 09:30)
Hans-Werner Sinn als "All-Time-High" (ab 12:00)
- Begründung: Mut, gegen den Mainstream zu argumentieren, z.B. bei der deutschen Einheit (Warnung vor zu schnellem Wechselkurs), Outsourcing, Euro-Ungleichgewichten oder kritischer Energie- und Klimapolitik ("grünes Paradoxon").
- Zitat Daniel Stelter (13:41):
"Es gibt wenig Ökonomen, die so klar und einfach und deutlich Dinge erklären können."
Medienwirksamkeit und Wandel in der Debattenkultur
- Sinn vs. Fuest: Ulf hebt hervor, wie sehr Sinns Wirken und die mediale Landschaft (Sabine Christiansen, Stefan Aust, Gabor Steingart) den Diskurs geprägt haben.
- Opportunismus heute stärker?: Gefühl, dass heutige Ökonom*innen mehr auf opportunistische Positionen achten.
5. Die Klassiker: Persönliche "All-Time"-Favoriten (ab 18:33)
John Maynard Keynes (ab 18:33)
- Nicht nur Staatseingriffler: Keynes war differenzierter als das gängige Vorurteil vom "Staatsgläubigen". Er warnte 1919 vor den Folgen des Versailler Vertrags.
- Interessanter Side-Fact: Keynes war als Investor und Börsenspekulant sehr erfolgreich, was Ulf überrascht (20:23).
- Vermächtnis: Keynes plädierte für Ausgleich durch Weltwährung (Bancor) nach 1944 – wurde durch US-Dollar-Dominanz verhindert.
Irving Fisher (ab 23:04)
- Wichtig, aber tragisch: Konnte Crash 1929 nicht vorhersehen, verlor Vermögen – trotzdem wegweisend in Erklärung großer Krisen (Debt Deflation Theory).
Joseph Schumpeter
- Kreative Zerstörung: Sein Konzept ist laut Ulf die beste Erklärung für Disruption und Innovationsdruck (27:20).
- Zitat Ulf Poschardt (27:36):
„Ich finde Schumpeter deshalb visionär, weil er ein unidyllisches Bild von Innovation angeboten hat, in dem die Zerstörung des nichtinnovativen gleichberechtigt ist zu der Schönheit und Bedeutung von Innovation.“
- Zitat Ulf Poschardt (27:36):
- Sprache & Stil: Beide schätzen Schumpeter als stilistisch starken Autor.
Karl Marx und Friedrich Nietzsche (ab 31:55)
- Marx: Bedeutung für Linke & politische Ökonomie; hervorragender Stil im Kommunistischen Manifest (32:16).
- Nietzsche: Für Ulf ein Inbegriff des unternehmerischen "freien Menschen" – wichtige Inspiration für die Kraft des Individuums.
6. Gegenwart: Wer prägt aktuell – und wer (nur) die Debatte? (ab 34:00)
Veronika Grimm
- Mut und Differenzierung: Ulf und Daniel sind sich einig, dass Grimm heute die „mutigste“ Stimme im Sachverständigenrat ist, gerade wegen differenzierter und oppositioneller Haltung.
- Zitat Ulf (34:24):
"Veronika Grimm ist für mich diejenige, die mich da im Augenblick am meisten beeindruckt und ich finde, man kann sie nicht oft genug herausstreichen."
- Zitat Ulf (34:24):
- Vakuum nach Sinn – zu wenig unabhängige Stimmen: Grimm, Fuest, Fratzscher (medienpräsent), Schnitzer, Feld werden diskutiert.
- Lars Feld & Ordoliberalismus: Beispiel für unabhängige, liberale Ökonomie-Tradition.
Kontroverse um Sachverständigenrat und Medienpräsenz
- Monika Schnitzer und interne Konflikte: Kritik am Umgang mit Veronika Grimm innerhalb des Rates (36:24).
- Maja Göpel – Ökonomin oder Medienpersönlichkeit?
- Beide sehr kritisch: Fokus mehr auf Selbstvermarktung als auf Substanz.
- Zitat Ulf (39:10):
"Ich finde so in Sachen der Selbstvermarktung würde ich sagen, hat Maja Göpel 100 von 100 Punkten."
- Zitat Ulf (39:10):
- Beide sehr kritisch: Fokus mehr auf Selbstvermarktung als auf Substanz.
Medien & Öffentlichkeit
- Medienwirksamkeit als Kriterium der Wirksamkeit und oft entscheidender als reine Fachkompetenz.
- Gefahr: Gesellschaft kann analytische und meinungsbasierte Ökonom*innen immer weniger unterscheiden.
7. Ausblick – Drei Top-Ten-Listen und Wunsch nach echten Sachverstand (ab 41:04)
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Versprechen:
Drei Rankings in Teil 2:- Aktuelle lebende Ökonom*innen
- All-Time-Ökonom*innen
- Ökonomiedarsteller*innen
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Sachverständigenrat sollte wirklich sachkundig besetzt werden, jenseits von Proporz und politischen Kontakten.
-
Cliffhanger: Ulf will Keynes' Text nachlesen und verspricht, im nächsten Teil intensiver auf Rankings und Community-Feedback einzugehen.
Bemerkenswerte Zitate & Momente
- Thomas Sowell über Ökonomen (01:36)
"Ein Ökonom ist jemand, der dir morgen erklären kann, warum das, was er gestern vorhergesagt hat, heute nicht eingetreten ist." - Daniel Stelter zu Hans-Werner Sinn (13:41): "Es gibt wenig Ökonomen, die so klar und einfach und deutlich Dinge erklären können."
- Zur Rolle von Adam Smith (06:59):
„Er hatte auch ein anderes Buch geschrieben, nämlich über Moral. Das ist eigentlich ein wichtigeres Buch..." - Ulf zu Schumpeter (27:36):
„Ich finde Schumpeter deshalb visionär, weil er ein unidyllisches Bild von Innovation angeboten hat, in dem die Zerstörung des nichtinnovativen gleichberechtigt ist zu der Schönheit und Bedeutung von Innovation.“ - Daniel zu Keynes (22:12):
"Der Staat soll Schulden machen in der Not, aber er soll sparen in der Zeit. Also es wird immer gerne vergessen." - Ulf zu „Ökonomiedarstellern“ (39:02):
"Maja Göpel, das ist doch keine Ökonomin. Ich hatte die jetzt als Unterhaltungsdarstellerin abgebucht." - Ulf zu Wunsch-Sachverständigenrat (41:23): "Es müssten dort die Sachverständigsten sitzen, und zwar als Liberaler würde ich sagen, die Sachverständigsten, egal aus welcher Ökonomen Schule sie kommen..."
Zentrale Timestamps
- [00:01] – Einstieg, Annäherung ans Thema
- [01:36] – Zitat Thomas Sowell
- [02:59] – Die Subjektivität von Ökonomie und Ideologie
- [06:59] – Adam Smith, Moral und Ursprung der Ökonomie
- [12:00] – Hans-Werner Sinn: Wirksamkeit und Relevanz
- [18:33] – Klassiker: Keynes, seine Differenziertheit & Börsenerfolg
- [23:04] – Irving Fisher und die Debt Deflation Theory
- [26:00] – Schumpeter und kreative Zerstörung
- [31:55] – Marx & Nietzsche als Inspirationsquellen
- [34:00] – Veronika Grimm, Sachverständigenrat, aktuelle Persönlichkeiten
- [39:02] – Medienpräsenz vs. Substanz: Maja Göpel als Beispiel
- [41:04] – Ausblick: Ranking-Listen & Wunsch nach Sachverstand
Fazit & Takeaways
- Wirtschaftswissenschaft ist stark von Meinungen, Ideologien, und Medienpräsenz geprägt – echte Wirkung entfalten jene, die mutig sind und Orientierung bieten.
- Klarheit, Kommunikationsstärke und Differenzierung (wie Sinn, Grimm, Schumpeter) bleiben die meistgeschätzten Eigenschaften.
- Aktuelle deutsche Debatte leidet unter Personalmangel an wirklich unabhängigen, mutigen Stimmen.
- Es braucht mehr echte Sachverständige – nicht nur solche, die im Medienzirkus prominent sind.
Ausblick
Im angekündigten zweiten Teil folgen klare Top-Ten-Rankings (lebende, historische und „Darsteller“). Die Hosts laden zum Mitdiskutieren und Feedback geben ein:
"Ich verspreche all unseren Zuhörerinnen und Zuhörern, es gibt ein Ranking... und wir werden das dann auch interaktiv machen." (41:43, Ulf)
