Make Economy Great Again
Episode: Polens Erfolg – Europas Provokation?
Date: June 4, 2025
Hosts: Ulf Poschardt (A/B), Daniel Stelter (C)
Überblick: Hauptthema der Episode
In dieser Folge diskutieren WELT-Herausgeber Ulf Poschardt und Ökonom Daniel Stelter, warum Polen in den letzten Jahren zum wirtschaftlichen Erfolg geworden ist und was Deutschland und Europa davon lernen könnten. Sie nehmen Polens Boom als Ausgangspunkt, analysieren die Unterschiede zu Deutschland und thematisieren, wie Mentalitäten, historische Erfahrungen sowie wirtschafts- und bildungspolitische Entscheidungen unterschiedliche Pfade verursachen. Gleichzeitig beleuchten sie strukturelle Probleme Deutschlands und die Rolle Europas in einer globalisierten und technologisch herausfordernden Welt.
Zentrale Diskussionspunkte & Erkenntnisse
1. Polens Wirtschaftswunder als Kontrast zu Deutschland
- Wirtschaftliche Kennzahlen:
- Polens BIP-Wachstum seit 2015: +28%
- Arbeitslosigkeit unter 3%, starke Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung und Tech (00:58–07:00)
- Polen nutzt EU-Gelder sehr effizient und investiert klug in Bildung und Infrastruktur (04:21–07:00).
- Mentalitätswandel und Bildungsinvestitionen:
- Polen hat einen höheren Anteil an Menschen mit Sekundar- und Hochschulabschluss als Deutschland (06:10).
- Die Einstellung zu Kapitalismus und sozialem Aufstieg ist besonders positiv und weist wenig Sozialneid auf – im Gegensatz zu Frankreich/Deutschland (06:50).
- Anekdoten aus Polen:
- Ulf berichtet von persönlichen Erfahrungen in Polen: „Sehr, sehr gutes Essen, total tolle Leute. ... Am Pfingstmontag wurde in Polen gearbeitet, in Berlin nicht – kein Wunder, dass die Polen hungrig und erfolgreich sind.“ (02:55)
Zitat:
"Die Polen sind eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. ... Es ist einfach kein Zufall. Die Polen haben auf die Wirtschaft gesetzt, haben liberalisiert, eine positive Einstellung zum Kapitalismus und zum Erfolg."
— Daniel Stelter (06:25)
2. Kulturelle und historische Unterschiede
- Polens Freiheitsmentalität & katholische Prägung:
- Die Erfahrung mit der Diktatur (Warschauer Pakt), Solidarność und dem Einfluss des Papstes fördern Freiheitsliebe und Eigeninitiative (07:45–10:00).
- Polen verbinden Heimatverbundenheit mit internationalem wirtschaftlichen Erfolg, viele Auswanderer investieren später bewusst wieder in ihre Heimat (10:00–11:00).
- Vergleich zu Deutschland:
- Deutsche Debatten leiden unter Neid, Bürokratie und fehlender Ambition.
- Kritik an europäischer Bevormundung und kulturellem Überlegenheitsgefühl gegenüber Osteuropa.
Zitat:
"Polen zeigen: machen, nicht reden. Wenn man reden will, dann auch machen – damit strahlen sie in Europa heraus."
— Ulf Poschardt (15:13)
3. Politik, Patriotismus und Migration
- Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Erfolg, Migration und politischem Rechtsruck:
- Polen wählen trotz Erfolg rechts, weil nationale Identität und Souveränität als Antwort auf historische Fremdbestimmung geschätzt werden (12:08–15:10).
- Bildungsstudien wie PISA zeigen, dass polnische Schulen bildungsgemischte Schichten besser integrieren als Deutschland.
- Patriotismus neu interpretiert:
- Poschardt lobt die „aufgeklärte“ Ausprägung von Patriotismus in Polen (15:18).
- Persönliches Treffen mit Radosław Sikorski illustriert, wie weltläufig und pragmatisch auch heutige polnische Politik sein kann.
4. Deutschlands wirtschaftliche Lage und Strukturschwäche
- OECD-Prognose & Staatsdoping:
- Deutschland: Prognostiziertes Wachstum von 1,2 % bis 2026 gilt als Erfolg, ist aber fast ausschließlich staatsgetrieben durch hohe Verschuldung (17:58–19:00).
- Die OECD mahnt zu Strukturreformen, die in Deutschland aber konsequent ausgeblendet werden.
- „Wir sind kein reiches Land. ... Wir haben unser Land substanzmäßig abgewirtschaftet und haben dringenden Sanierungsbedarf.“ (18:48)
- Unternehmerklima:
- Deutschland leidet unter hoher Steuerbelastung, unausgereiftem Steuer- und Sozialsystem, und Vermögensabflüssen (Millionärsabwanderung).
Zitat:
"Wenn du wirklich einen Stimmungswechsel haben möchtest, dann musst du jetzt dringend diesem Paket ... Strukturreform nachschieben."
— Daniel Stelter (23:35)
5. Europa und die Krise der Weltordnung
- Dollar, Euro und geostrategische Schwächen Europas:
- Diskussion um den schwächelnden US-Dollar und die (theoretische) Chance des Euro, ein neues Machtzentrum zu werden (26:57–33:35).
- Europa fehlt Innovations- und Kapitalmarkttiefe; der Euro kann den US-Dollar als Weltwährung nicht ersetzen.
- Kritik an Europas Bürokratie und Überregulierung als Wachstums- und Innovationsbremse.
- Chinas Aufstieg und technologischer Ehrgeiz:
- China ist in vielen Zukunftstechnologien führend (z.B. KI, Industrieroboter), zeigt extremen Ehrgeiz und Investitionsbereitschaft (35:40–38:00).
- Kritik: Europa und Deutschland haben Chinas Aufstieg mit technologischen Transfers indirekt unterstützt.
Zitat:
"Die Chinesen investieren in Bildung, bauen Technologien und holen uns uneinholbar ein. ... Vom Ansatz her nicht zu vergleichen mit dem, was China macht."
— Daniel Stelter (37:15)
6. Realitätsverweigerung und der Kulturkampf in Deutschland
- Kulturdebatten, woke Themen und Überdruss an Realitätsflucht:
- Kritik an deutschen Kulturdebatten, die sich vom „realen“ wirtschaftlichen Rahmen abkoppeln.
- „Reality Check“ – die deutsche und europäische Unfähigkeit, sich der Konkurrenz aus China realistisch zu stellen.
- Segment: Ist das mega oder kann das weg? (Siezen vs. Duzen) (42:42–46:30)
- Ulf: Plädiert kultiviert für das Siezen, sieht im Duzen mitunter kommunikativen Werteverlust.
- Daniel: Plädiert für beides, je nach Kontext, ist gegen oktroyierte gesellschaftliche Sprachregelungen.
Notable Quotes & Memorable Moments
-
Über den polnischen Spirit:
„Fleißiger Pole mit eigenem Auto sucht Arbeit. ... Damals haben die Deutschen darüber gelacht. ... Heute ist klar, die Polen sind eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.“
— Daniel Stelter (03:41) -
Über die deutsche Selbsttäuschung:
„Die Politik redet sich jetzt ... wir machen jetzt, wir schaffen das Wachstum ... wir drucken jetzt Geld, ... und dann ist alles gelöst. ... Ich glaube nur, es gibt eine große Gefahr, dass die Politik sich damit schon ausruht.“
— Daniel Stelter (18:48) -
Über das Verhältnis EU-Osteuropa:
„Die europäische Mainstream-Elite ... stößt den Polen ... mit ihrer Großkotzigkeit und Klugscheißerei einfach zu sehr vor den Kopf und bringt damit immer wieder den rechten Rand ins Spiel.“
— Ulf Poschardt (11:52) -
Über Innovation in China vs. Deutschland:
„China, die politische Führung ist diktatorisch, aber durchaus qualifiziert, und sie haben im Prinzip eine Vision, bestimmte Dinge richtig groß zu denken. Und das fehlt uns einfach alles.“
— Daniel Stelter (38:44)
Segment-Timestamps und Inhalte
| Zeit | Thema / Inhalt | |---------|-------------------------------------------------------------| | 00:58–07:00 | Polens wirtschaftlicher Aufstieg, Effizienzklassen, Bildung, Kapitalismus | | 07:45–11:00 | Historische Prägungen, Freiheitsliebe, Migration, deutsche Wahrnehmung | | 12:08–15:18 | Erklärungen für den polnischen Rechtsruck, Patriotismus, Migration | | 15:18–19:00 | Deutscher und polnischer Patriotismus, Radosław Sikorski, OECD-Prognose | | 18:18–23:52 | OECD-Prognose, Politik der Illusionen, Steuerbelastung, Vermögen | | 23:52–26:57 | Millionärsabwanderung, globale Wirtschaftstrends, Dollar/Euro | | 26:57–35:40 | Dollar als Weltwährung, Grenzen des Euro, EU-Bürokratie, US und China | | 35:40–39:25 | Chinas technologische Offensive, Innovationsmentalität, geopolitische Strategie | | 39:25–42:42 | (Deutsche) Realitätsverweigerung, Kulturkampf, Zukunftstechnologien | | 42:42–46:30 | „Ist das mega oder kann das weg?“: Siezen vs. Duzen, Unternehmenskultur | | 46:30–46:58 | Feedback, Ausblick und Verabschiedung |
Zusammenfassung & Fazit
Die Hosts zeichnen im Wechselspiel von Anekdoten, Zahlen und geopolitischen Szenarien nach, wieso Polens Erfolgsformel in der Mentalität, Bildungs- und Wirtschaftspolitik liegt, und warum Deutschland wie ganz Europa im Vergleich an Schwung verliert. Sie kritisieren insbesondere soziales Ressentiment und Reformverweigerung in der deutschen Politik, während sie Polen als inspirierendes Gegenmodell anführen. Die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas wackelt gegen China und die USA – das größte Problem: ein Mangel an echter Veränderungsbereitschaft und wirtschaftlicher Ambition.
Kernbotschaft:
Polens Erfolg provoziert nicht, sondern motiviert – und ist eine Einladung, von Nachbarn zu lernen. Deutschland und Europa müssen Mut zu Strukturreformen haben, um nicht den Anschluss zu verpassen.
