Episode Summary: „Was die SPD mit der Working Class (nicht mehr) zu tun hat“
Podcast: Make Economy Great Again
Host: WELT (Ulf Poschardt & Daniel Stelter)
Date: July 8, 2025
Überblick: Thema & Zielsetzung
Diese Folge widmet sich dem Bedeutungsverlust der SPD für die deutsche Arbeiterschaft, Problemen der stagnierenden deutschen Wirtschaft, fehlender Innovationskraft und der Kritik an aktuellen industrie-, energie- und migrationspolitischen Konzepten. Daniel Stelter (Ökonom) und Ulf Poschardt (WELT-Herausgeber) besprechen, wie eine politische und wirtschaftliche Trendwende gelingen könnte – ausgehend von einem Brandbrief ostdeutscher Betriebsräte, dem desolaten Zustand der Industrie, kulturpolitischem Wandel und Haushaltsfragen der neuen Regierung. Ebenso werfen sie Vergleiche mit internationalen Entwicklungen auf – etwa die US-amerikanische Politik unter Donald Trump.
Hauptdiskussionspunkte & Einblicke
1. Brandbrief ostdeutscher Betriebsräte: Alarmruf an die Politik
[01:29–05:23]
- Der Brandbrief ostdeutscher Betriebsräte richtet sich an Kanzler Scholz und kritisiert vor allem die Energiepolitik: Nach 35 Jahren Förderung von Wind- und Solarenergie fehle ein echter Beitrag zur Versorgungssicherheit, während dreistellige Milliardenkosten entstünden.
- Daniel Stelter: „Warum sind es nur die aus dem Osten? Warum haben die Westbetriebsräte... nicht mitgemacht? Die Industrie fährt im Westen wie im Osten vor die Wand angesichts dieser Wirtschafts... und Energiepolitik.“ [03:36]
- Kritik daran, dass die Betriebsräte erst jetzt – nach Wahl und Koalition – mit ihrer Kritik kommen. Dennoch wird das Engagement positiv gewertet.
2. Industrie, Energiepolitik und die Rolle der Manager
[05:23–09:51]
- Stelter berichtet aus seiner Zeit als Unternehmensberater nach der Wende und zieht Parallelen zwischen schlecht gemanagten Transformationen: Die jetzige Transformation sei ebenso politisch motiviert und gefährlich für die Wettbewerbsfähigkeit.
- Die Führung deutscher Industrieunternehmen wird kritisch beleuchtet: Insbesondere Stefan Rauber (CEO von Sarstahl, SPD-nah) werde nicht als innovativer Unternehmer, sondern als klassischer Subventionsmanager beschrieben.
- Stelter: „Der setzt... auf Subvention und Protektionismus, also sozialistische Mottenkiste.“ [08:11]
- Ostdeutsche Betriebsräte hingegen fordern „vernünftige Rahmenbedingungen“ statt Subventionen.
3. Wandel in der „Working Class“ und die Krise der SPD
[09:51–13:10]
- Poschardt sieht einen fortgeschrittenen Kulturwandel der Arbeiterschicht („Working Class“), der medial unterschätzt wird.
- Die SPD entferne sich weiter von ihrer alten Rolle als Partei der Arbeitnehmer und werde eher „eine Partei der Oberschicht von Genossen, die es irgendwie zum CEO geschafft haben und von Transferempfangenden.“ [11:18]
- Beide sind skeptisch, ob der Brandbrief ein echtes „Wake-up-call“ für die SPD darstellen kann, da viele klassische Arbeiter mittlerweile AfD wählen.
- Stelter betont, dass das Versagen, Wohlstand zu sichern, die Demokratie gefährde: „Wer immer Sorge hat vor Rechts... der muss alles tun, um Demokratie zu bewahren – das heißt Wohlstand zu bewahren. Und das passiert genau nicht.“ [13:10]
4. Kulturkampf und Elitenkritik
[13:37–14:55]
- Poschardt kritisiert den linken Kulturkampf innerhalb der Eliten (Beispiel: SPD-Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht), die „lebensweltlich konträr zu all dem“ stehen, was die arbeitende Bevölkerung denkt.
- Zunehmende Entfremdung von Common Sense und SPD wird hervorgehoben: „Common Sense und SPD – nichts mehr miteinander zu tun.“ [14:45]
5. Rechtsprechung, Klimaurteil & politische Gefahren
[14:55–17:34]
- Stelter äußert Bedenken gegenüber festen Geschlechterquoten und der politisierten Besetzung des Bundesverfassungsgerichts.
- Das Klimaurteil des Gerichts 2021 wird kritisch hinterfragt: Das Gericht habe den Klimaschutz quasi über Grundrechte gestellt.
6. Blick in die USA: Trump, Steuern & Wirtschaftsvision
[17:34–23:22]
- Ausführliche Einschätzung zur „Beautiful Bill“ von Donald Trump (Steuersenkungen, Kindergelderhöhung, Steuerfreiheit für Überstunden etc.), inklusive Skepsis an ihrer Finanzierbarkeit.
- Stelter: „Das Big Beautiful Bill ist nichts anderes als der beschleunigte Weg in den Staatsbankrott.“ [22:16]
- USA hätten im Gegensatz zu Deutschland mehr Spielraum wegen Wirtschaftswachstum und Demografie – aber auch dort gebe es tiefgreifende Haushaltsprobleme.
7. Haushaltsdebatte in Deutschland: Lars Klingbeils „Schuldenperversion“
[23:22–32:10]
- Sehr scharfe Kritik am Entwurf von Finanzminister Klingbeil: Staatsquote bei 51,6%, massive Ausweitung der Sozialausgaben, fehlende echte Reformen oder Investitionen („eine Art Schuldenperversion der Extraklasse“).
- Stelter: „Die Politik macht Schulden für Soziales... bei den Ländern schlagen die Pensionslasten jetzt schlagend durch, ohne Schulden geht das gar nicht mehr.“
- Geld werde vor allem für Klientelpolitik verwendet, nicht für zukunftsträchtige Investitionen.
8. Migration & Bildungskrise
[32:10–41:53]
- Debatte über die von Karin Prien geforderte Migrantenquote an Schulen – Aufschrei der Lehrerverbände und „realitätsferne“ Eliten werden hinterfragt.
- Beide betonen die Herausforderungen der Bildungsintegration: Hohe Quoten von Kindern mit Migrationshintergrund beeinträchtigen Lernerfolg, Rückzug vieler Eltern in private Schulsysteme verschärft das Problem.
- Stelter verweist auf alarmierende Zahlen (IGLU, PISA): Ein Viertel der Viertklässler nur mit rudimentären Lesefähigkeiten, massive Differenzen je nach Migrationshintergrund und sozialem Status.
- „Wir brauchen hier ein komplettes, dringendes Umdenken. Kommen wir zur SPD. Die davon ist weit entfernt, leider Gottes, die Union aber auch.“ [41:21]
9. Flucht aus dem System – Bildungssozialismus vs. Chancengerechtigkeit
[36:47–41:53]
- Bildungsflucht engagierter Eltern hebt die soziale Segregation; das deutsche Schulsystem genüge nicht mehr den Anforderungen von Integration und Leistung.
- Forderung nach verbindlichen Deutsch- und Sprachtests, mehr Ressourcen und frühkindlicher Förderung; Spracherwerb sollte mit Sozialleistungen verknüpft werden.
Notable Quotes & Momente
-
Stelter zur Energiepolitik:
„Seit 35 Jahren werden Photovoltaik und Wind gesetzlich privilegiert und gefordert. Sie leisten jedoch bis heute keinen größeren Beitrag zur Versorgungssicherheit als vor drei Jahrzehnten. Dafür verursachen sie Netzkosten im dreistelligen Milliardenbereich.“ [02:31] -
Poschardt zur SPD:
„Die SPD muss sich fragen, ob sie nicht früher besser beraten war, als sie auf solche sehr vernünftigen Betriebsräte... gesetzt hat... für das Greater Good in der Gesellschaft.“ [11:25] -
Stelter zu Subventionspolitik:
„Am Ende, wenn die Subventionen wegbrechen, sind die Arbeitsplätze weg... Das zu propagieren, das ist nicht sozial.“ [09:44] -
Poschardt zum Kulturkampf:
„Ich muss immer wieder lernen, dass Common Sense und SPD nichts mehr miteinander zu tun haben.“ [14:45] -
Stelter zum Bundeshaushalt:
„Das, was sie jetzt machen, ist... eine Politik, die erzählt hat, sie würde ins Land investieren wollen und in Wirklichkeit die Taschen sich voll gemacht hat, um Klientelpolitik zu betreiben... Es ist ein absolutes Desaster.“ [31:00] -
Zur Bildungskrise:
„Ein Viertel der Viertklässler hat nur rudimentäre Lesekompetenz. 22 Prozent gelten im Fach Mathematik als gefährdet.... Das Ergebnis ist brutal.“ [38:03]
Wichtige Timestamps & Themenblöcke
- 01:29–05:23: Brandbrief Betriebsräte/Ost-West-Gefälle
- 05:23–09:51: Diskussion über Transformation, Staatsnähe und Subventionswirtschaft
- 09:51–13:10: SPD, Working Class, politische Entfremdung
- 13:37–14:55: Kulturkampf und Elitenkritik (BVGericht-Kandidatin)
- 14:55–17:34: Klimaurteil, Politisierung der Justiz
- 17:34–23:22: US-Steuer- und Wirtschaftsdebatte
- 23:22–32:10: Haushaltslage, Kritik am Schuldenkurs
- 32:10–41:53: Migration, Schule, Integration, Bildungsdesaster
- 41:53–43:57: Bildungspolitische Schlussbetrachtung, eigene Hintergründe
Fazit & Atmosphäre
Die Episode bietet einen schonungslos kritischen Vergleich zwischen Anspruch und Wirklichkeit aktueller Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik in Deutschland – inklusive Seitenblick auf die USA. Der Ton bleibt zugespitzt, oft ironisch, gelegentlich polemisch, aber immer faktenorientiert und mit prägnanten Argumenten.
Stelter und Poschardt analysieren die innere Erosion der großen Parteien, insbesondere der SPD, und sehen in der derzeitigen Politik keine echten Lösungen für Wirtschaft und Gesellschaft, sondern bloß „Zeitkauf“ und fehlgeleitete Klientelpolitik – mit gefährlichen Folgen für Demokratie, Standort, Integration und Wohlstand.
Für weiterführende Vorschläge oder Feedback: mega@welt.de
