
Drei Jahre mitten im Machtzentrum von Putins Russland – jetzt spricht Deutschlands Ex-Botschafter in Russland.
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Alexander Graf Lambsdorff
Mit uns, mit den Europäern will Russland nicht reden. Mit uns will man nicht reden, weil wir ja die stärksten Unterstützer der Ukraine sind. Und man sich aus Moskau nochmal Wir setzen uns jetzt in den Kopf von Wladimir Putin, sieht man sich auf Augenhöhe mit Washington. Wenn jetzt aber die Europäer keine Gesprächspartner sein sollen und die Amerikaner keine Gesprächspartner sein wollen, dann bleibt die militärische Option. Und dann kann die Ukraine natürlich genau mit dieser Strategie versuchen, unheimlichen Druck zu machen. Aber es muss ja dann irgendwann sozusagen eine Idee entwickelt mit wem soll man reden? Dann stellt sich die Frage aus der Sicht des Kreml wohlgemerkt, mit wem kann man denn dann reden? Und Sie lehnen ja auch Selenskyj ab als Gesprächspartner, Sie lehnen ja auch die Ukraine als Gesprächspartner ab. Und von daher, glaube ich, ist zurzeit aus der Sicht des Kreml, das militärische Vorgehen ist das Einzige, was man beherrscht, was man kennt, was man kann. Zwar nicht perfekt, aber man kann es. Und deswegen ist es der Vektor, auf dem sich die russische Linie zurzeit bewegt.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Ich sitze hier mit einem Mann, der erst vor wenigen Tagen aus Moskau zurückgekehrt ist, Er war Deutscher Botschafter seit 23 da wurde er benannt und hat dort all das erlebt, worüber wir hier im Podcast gesprochen Putin einerseits, als er sich auf der Siegerstraße fühlte, dann unter Druck. Er hat erlebt, wie es ist, wenn man in einem autokratischen Staat unterwegs ist. Und über diese ganzen Fragen möchte ich jetzt mit Alexander Graf Lambsdorff sprechen. Ich grüße Sie, Herr Graf Lambsdorff, schön hier zu sein. Wie ist das, wenn man zurückkommt aus Moskau? Fühlt man sich da erstmal befreit oder muss man sich das nicht so vorstellen?
Alexander Graf Lambsdorff
Also wenn man drei Jahre in einem Land lebt, auch mit dem ganzen Schutz, den man als Diplomat ja genießt, aber wenn man drei Jahre in einem Land lebt, das immer autoritärer wird, wo Freunde, Bekannte mit einem beIN im Gefängnis stehen und wo eine Wahl jetzt im Herbst auf uns zukommt im September, bei der die Ergebnisse schon in der Zeitung nachzulesen gewesen sind, weil der Kreml das alles durchorganisiert. Also wenn man aus einem so unfreien Land zurückkommt, dann passiert etwas, das habe ich in der Form gar nicht so erwartet, so eng persönlich. Man lernt die Luft der Freiheit auf eine Art und Weise zu schätzen, wie man das vielleicht vorher nicht erwartet hat. Und so war es bei mir auch. Man fährt zurück in die Freiheit, man fährt über die Grenze, ich bin mit der Familie mit dem Auto zurückgekommen und dann sehen Sie das blaue Schild mit den goldenen Sternen von der Europäischen Union und Sie wissen, Sie sind in Freiheit. Und das ist ein ganz besonderes Gefühl, ein schönes Gefühl. Es waren drei wirklich spannende und auch wichtige Jahre, aber diese Rückkehr in ein freies Land ist was Wunderbares.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Lassen Sie mich mal vorlesen, was der Bundesanzeiger am 8. Januar 2024 veröffentlicht hat. Das Auswärtige Amt gibt bekannt, der außerordentliche und bevollmächtigte Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Russischen Föderation, Herr Alexander von der Wenge Graf Lambsdorff, ist am 4. Dezember 2023 von dem Präsidenten der Russischen Föderation, Herrn Wladimir Wladimovic Putin, zur Überreichung seines Beglaubigungsschreibens empfangen worden. Was war das für ein Tag, als Sie Putin getroffen haben?
Alexander Graf Lambsdorff
Das ist ein besonderer Tag. Also das ist ja der Tag, an dem man sozusagen als Repräsentant Deutschlands, ganz konkret Repräsentant des Bundespräsidenten, dem Staatspräsidenten des anderen Landes seinen Brief übergibt, den Brief, den bei uns Frank Walter Steinmeier unterschrieben hat als Bundespräsident und damit erst mit dieser Übergabe, sehr altmodisch, mit dieser Übergabe wird man zum Botschafter. Also das ist ein ganz besonderer Tag. Das ist das eine. Das zweite ist, es war ein Tag, der natürlich im Kreml war und wir haben diesen Tag im Großen Georgssaal verbracht. Da waren auch noch andere Botschafter dabei. Man muss dazu sagen, Wladimir Putin als Präsident hat eine Angewohnheit, die sehr präsidial vielleicht ist. Er kommt grundsätzlich Stunden zu spät. Das heißt, wir saßen sehr lange im Kreml. Wer ist wir, die anderen Botschafter. Ich war nicht alleine, da waren noch andere Botschafter dabei, das Staatsprotokoll, das russische, russische Presse und so. Und wir saßen da ungefähr zwei Stunden und warteten auf den Präsidenten. Also es war für mich persönlich sehr interessanter Tag. Politisch war es ein Tag, der im Grunde bestätigte, was ich auch erwartet hatte, nachdem ich gebeten worden bin, diesen Posten zu übernehmen. Präsident Putin hat seine Positionen bekräftigt, zuversichtlich, relativ entschlossen, was den Krieg angeht.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wir müssen einmal kurz das zeitlich ein bisschen einordnen. Also Das war Ende 23 Anfang 24 Im Jahr 23 Wir erinnern uns, da scheiterte die ukrainische Gegenoffensive, Also diese Euphorie, die man Ende 2022 hatte, wir erobern die Krim zurück und Russland stürzt, Das war nicht mehr. Gleichzeitig gab es einen gescheiterten Aufstand in Russland. Also wir erinnern uns an Prigoschin, der Richtung Moskau sich aufmachte. Also es war eine Zeit, wo Putin sich dann wieder sicher im Sattel fühlte. Richtig?
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, weil dieser Wagner Aufstand, der Marsch von Prigozhin auf der M nach Norden, der endete ja schon bei Liepezk. Also das war mehrere hundert Kilometer vor Moskau. Es hat sich ihm unterwegs niemand wirklich angeschlossen. Also andere Kommandeure mit ihren Einheiten, die da in der Nähe gewesen wären, haben sich ihm nicht angeschlossen, sodass dieser Aufstand eine im Grunde eine Episode blieb und seine Niederschlagung eher die Position von Putin gestärkt hat, als dass ihn dieser ganze Vorgang geschwächt hätte.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie wird man Botschafter in Moskau? Sie waren im Bundestag und wer hat Sie dann gefragt und gesagt, oder wollten Sie? Wie kriegt man vor allem so einen? Ja wirklich zu dem Zeitpunkt und auch immer noch natürlich einen der wichtigsten Botschafter?
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, man muss dazu sagen, ich war ja nicht im Bundestag und bin dann zum ersten Mal im Auswärtigen Amt gewesen, sondern ich habe, bevor ich in die Politik gegangen bin, ganz normal meine Prüfung gemacht als Diplomat, habe schon zehn Jahre lang im Auswärtigen Amt gearbeitet, in Bonn, in Washington und in Berlin und bin dann ins Parlament, erst ins Europäische, dann in den Deutschen Bundestag. Und als die Ampel regierte, da war es dann so, dass Annalena Baerbock mich fragte, ob ich nach Moskau gehen wollte als Botschafter. Das habe ich dann mit natürlich meinen Nächsten besprochen und dann haben wir beschlossen, das machen wir und dann so wurde ich Botschafter in Moskau, wenn man dann
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
dort sitzt und gleich Putin trifft. Sie haben gesagt, also gleich hat sich verspätet, sehr viele Stunden. Wie bereitet man sich auf sowas vor? Gibt es da etwas, was man im Kopf hat, was man eigentlich jemandem wie Putin schon immer mal sagen wollte? Sie sind ja auch jemand, der mit entschiedener Kritik an der an der russischen Kriegsführung und an dem, was den Jahren zuvor passiert ist, aufgefallen?
Alexander Graf Lambsdorff
Nein, weil das ist ein protokollarischer Termin. Sollte man vielleicht erklären, ein protokollarischer Termin ist was anderes als ein politischer Termin. In einem protokollarischen Termin geht es tatsächlich um das, was ich gerade geschildert habe, also diese formale Übergabe, dann redet der Präsident wenige Worte und dann ist die Zeremonie auch quasi vorbei. Also man kriegt einen ganz guten Eindruck von ihm als Person, von seinem Auftreten, vielleicht auch ein bisschen von dem, was er denkt, weil man das natürlich dann aus dem ableitet, was er sagt. Aber ein echtes Gespräch, ein längeres Gespräch hat es da nicht gegeben.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie war der Auftritt Putins dann?
Alexander Graf Lambsdorff
Sie kennen ja die Bilder, wenn der Kreml das große Protokoll macht, dann kommen da so zwei Soldaten, stellen sich an die Seite, die Türen gehen auf und Putin kommt reinmarschiert und hält dann sozusagen eine Rede, in der er die einzelnen Botschafter adressiert in Bezug auf Deutschland. Natürlich hat er seine enge Verbindung zu Deutschland herausgestellt.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Auf Deutsch?
Alexander Graf Lambsdorff
Nein, auf Russisch, alles auf Russisch. Wir hatten Übersetzung. Aber er sagt eben auch, dass mit der Unterstützung Deutschlands für die Ukraine dabei, sich gegen den russischen Angriffskrieg zu verteidigen, Deutschland und Russland zurzeit keine guten Beziehungen haben. Das ist eine objektiv korrekte Feststellung. Und das war es im Wesentlichen. Also er wirkte entschlossen, er ist körperlich gut beieinander. Man liest ja immer mal wieder in deutschen Medien, dass er irgendwie diese Krankheit oder jene Krankheit haben soll. Ich konnte das nicht feststellen. Nun bin ich kein Mediziner und Ferndiagnosen sind sowieso schwierig, aber das, was man so an Gerüchten hört, glaube ich, konnte ich jedenfalls in der Situation nicht sehen. Der Mann ist ja ziemlich diszipliniert, der ist sportlich, der hat eine sehr gute medizinische Versorgung. Also mein Eindruck von dem war, der war ganz bei sich.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie ist er dort geschützt, wenn er mit den Botschaftern spricht, wenn er dort
Alexander Graf Lambsdorff
unterwegs ist im Kampf, ähnlich wie der amerikanische Präsident, ähnlich wie der Bundeskanzler, da sind Sicherheitsbeamte, die sich diskret an der Wand halten und darauf aufpassen, dass da nichts passiert.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Dann waren Sie offiziell Botschafter. Wie geht denn das Leben los als Botschafter in Moskau? Wo lebt man? Wie ist man dort unterwegs?
Alexander Graf Lambsdorff
Sie sind in allererster Linie erstmal verantwortlich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der deutschen Botschaft in Moskau. Das war mal die größte, die wir weltweit hatten. Aber als ich ankam, hat die russische Seite uns gerade eine zahlenmäßige Obergrenze auferlegt, sodass ich in eine Botschaft kam, wo mein Vorgänger eine ganze Reihe von Entlassungen vornehmen musste, von Lokalbeschäftigten. Wir mussten auch deutsche Kolleginnen und Kollegen nach Hause schicken, die von den Rußen sozusagen reziprok nach Berlin geschickt wurden, weil wir die russischen Nachrichtendienstler ausgewiesen hatten. Also mit anderen Worten, es war erstmal auch ein bisschen ein Wirken nach innen, die Arbeitsfähigkeit der Botschaft, sagen wir mal, ans Laufen zu kriegen unter völlig neuen Bedingungen. Wir mussten die Konsulate schließen bis auf Sankt Petersburg. Wir hatten ja Konsulate in mehreren Städten Russlands, die sind auch geschlossen worden, sodass wir erstmal anfangen mussten, noch mal ins Arbeiten zu kommen. Und dann ging das aber auch gut, muss ich sagen, weil da wurde sehr gut mitgezogen. Und wir haben dann angefangen, die Kontakte nach außen zu entwickeln und die Gesprächspartner aufzusuchen, mit denen Gespräche zu führen, die für uns wichtig sind, die gute Informationen haben, die einen guten Blick auf die russische Realität haben.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wer ist das? Woher weiß man das, wer das ist und wie kommt man in Kontakt?
Alexander Graf Lambsdorff
Nun, das sind Kontakte der Botschaft. Die allermeisten kann ich und will ich hier nicht namentlich nennen, aber sie können sicher sein. Es sind Menschen, die einen guten, einen kritischen Blick haben auf das, was passiert. Es sind teilweise auch Menschen, die loyal zum Regime stehen, aber trotzdem bereit sind, Informationen zu teilen, Analysen zu teilen und eine Diskussion auch zu haben über die Analyse, weil unsere natürlich eine völlig andere ist als die derjenigen, die loyal zum Putin Regime sind. Völlig klar. Und deswegen sind das Gespräche, die sind sehr wertvoll und die kann man auch nur in Moskau führen, denn natürlich können wir uns gegenseitig im Moment nicht besuchen in dem Sinne. Delegationsreisen beispielsweise, die früher völlig üblich waren, gibt es so gut wie gar nicht mehr.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie laufen solche Gespräche ab? Ich glaube, es war Konrad Adenauer, als er nach Moskau gefahren ist, gab es für die Delegation eine Art Workshop zur Vorbereitung auf das viele Wodka trinken und da wurde dann empfohlen, vor dem Trinken einen Löffel Olivenöl zu trinken, damit man mithalten kann. Ist Wodka noch ein Thema bei so Treffen?
Alexander Graf Lambsdorff
Nein, nein. Also die russische Gesellschaft hat sich ja auch weiterentwickelt. Die Sowjetunion ist jetzt nun Schon wie lange, 35 Jahre nicht mehr da. Natürlich trinkt der eine oder andere gerne Wodka. Es gibt auch guten Wodka, mache hier jetzt aber keine Werbung für bestimmte Marken. Aber diese Kultur, die es früher gab, dass man schon tagsüber in Meetings beim Mittagessen, also die Rußen messen Wodka ja nicht in Millilitern, sondern in gramm, als er 100 Gramm Wodka hingestellt kriegte und der musste weg sein am Ende des Essens, sonst galt man als unhöflich. Das ist lange vorbei. Das ist lange, lange vorbei. Die meisten Gespräche finden ganz normal, wenn es mittags ist, bei einem Glas Wasser statt.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Aber ist es nicht so, dass man im Zweifel mehr Informationen bekommen könnte, wenn man abends, wo auch immer, auch ein Glas Wodka trinkt oder wie es auch andere Politiker in der Vergangenheit gemacht haben oder sicherlich auch Botschafter in die Sauna geht oder die Banya?
Alexander Graf Lambsdorff
Also ich verstehe das jetzt so. Herr Ronsheim, Sie raten deutschen Diplomaten, ihre Gesprächspartner betrunken zu machen, um ihnen Ich
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
frage mich nur, wie das abläuft.
Alexander Graf Lambsdorff
Nein, also wie gesagt, diese Wodka Sauferei von Anno Dunnemals, die gibt es nicht mehr. Was es gibt, ist, dass man gemütlich zusammensitzt mit interessanten Menschen, die auch, wie gesagt, diesen guten Blick haben, diesen analytischen Blick haben, den wir brauchen, damit wir Berlin gut informieren können. Das ist ja das Ziel der ganzen Maßnahme. Und dann gibt es ein Abendessen und da gibt es auch einen guten Wein. Wir haben in der Deutschen Botschaft großen Wert darauf gelegt, dass wir gute deutsche Weine hatten. Tatsache ist, und das stimmt, da kommen natürlich die Gäste dann auch lieber, wenn der Wein besser ist. Aber da wir inzwischen in Deutschland wirklich exzellente Weine haben, war das kein großes Problem.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie laufen diese Gespräche ab mit denjenigen, die wirklich knallharte Regimeverteidiger sind, die voll hinter dem stehen, was Wladimir Putin macht?
Alexander Graf Lambsdorff
Die muss man in zwei Gruppen einteilen. Also der allergrößte Teil dieser Menschen trifft sich gar nicht mit uns. Die wollen nicht mit uns gesehen werden. Die finden Kontakt zu Ausländern riskant, was leider auch stimmt zunehmend, weil was kann denen passieren? Der Inlandsgeheimdienst kommt dann am nächsten Tag zu denen ins Büro und fragt, was haben sie denn mit Vertreter eines unfreundlichen Landes zu besprechen gehabt? Das kann unangenehm sein. Und dann gibt es aber einen Teil dieser Leute, die zum Regime stehen und sie mit uns treffen. Das sind üblicherweise Menschen, die den Umgang auch mit Western gewöhnt sind, die ihre Position erklären, verteidigen, die aus ihrer Sicht auf Risiken hinweisen, die wir am besten gemeinsam Interesse zu bearbeiten hätten und so weiter und so weiter. Und denen wir dann aber auch natürlich unsere Botschaften übermitteln. Also was den Angriffskrieg angeht, was die Aggression angeht, was den Völkerrechtsbruch angeht, was die fortgesetzten Kriegsverbrechen angeht, das ist dann teilweise auch hart. Das muss man ganz klar sagen. Also das ist dann schon heftig, denn die russische Kriegsführung ist ja der ganze Krieg ist ja völkerrechtswidrig. Aber was im Krieg sozusagen dann an einzelnen Maßnahmen passiert, ist ja auch schrecklich. Die Sabine Adler hat das ja neulich bei Ihnen auch geschildert. Was Kiew zurzeit durchmacht, ist ja ganz fürchterlich. Diese Raketenangriffe, das sind eindeutige schwerste Verletzungen des humanitären Völkerrechts. Da wird die Zivilbevölkerung getroffen. Und wenn wir das in Gesprächen thematisieren, dann gibt das natürlich eine konfrontative Situation. Jetzt ist es aber so, dafür ist man dann Diplomat. Sie dürfen das nicht so weit treiben, dass das Gespräch abbricht, sondern man muss es auf eine Art und Weise dosieren, dass man immer noch miteinander im Gespräch bleiben kann. Denn unser Interesse ist es ja, von den Gesprächspartnern Informationen zu bekommen. Und so laufen solche Gespräche ab.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Was war für Sie das überraschendste Gespräch? Also das, wo Sie jetzt zurückdenken in diesen Jahren, was augenöffnend für Sie vielleicht auch war, was den Zustand des Regimes angeht.
Alexander Graf Lambsdorff
Es gibt einen sehr klugen Analytiker, der viele, viele, viele Jahre für einen amerikanischen Thinktank gearbeitet hat in Moskau und der sich mit Kriegsbeginn eindeutig hinter diesen Krieg gestellt hat und gesagt Das ist mein Land, das ist unser Krieg. Mir ist völlig egal, was ich vorher sozusagen mit den Kollegen aus dem Westen gemacht und gearbeitet habe. Ich stelle mich genau auf diese Position. Russland muss diesen Krieg gewinnen. My country right or wrong, so sagen die Briten oder die Amis das. Und den habe ich getroffen, den kannte ich aus vielen vorherigen Russlandbesuchen, den hatte ich auf Konferenzen auch im Westen getroffen. Für mich war das eigentlich das Überraschendste, weil es so eine Art Paulus zum Saulus Entwicklung war in der Situation. Also jemand, der von einem verständnisvollen, in westlichen Kategorien denkenden Mann zu jemandem wurde, der ein absoluter Hardliner des Angriffskrieges wurde, das war das überraschendste Gespräch.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie filtern Sie als Botschafter solche Gespräche? Und wann wissen Sie, ob da vielleicht jemand bewusst vom Regime von Lawrow, von Putin in ihre Richtung geschickt wurde im Sinne Wir wollen den Deutschen da eine Nachricht übermitteln, aber jetzt nicht mit einem öffentlichen Schreiben, sondern mit klaren Botschaften, die wir intern äußern.
Alexander Graf Lambsdorff
Gut, da kann ich jetzt auch nicht zu sehr ins Detail gehen, aber natürlich, wir haben Einschätzungen zu unseren Gesprächspartnern, wissen ungefähr, wo die herkommen und nehmen dann je nachdem ein Körnchen Salz oder auch mal ein Pfund Salz. Also manchmal hat man in der Tat Gespräche, bei denen es sehr eindimensional einfach nur die Wiederholung eines offiziellen Narrativs ist. Die bringen dann auch nichts. Dann ist man höflich und führt das Gespräch ordentlich und höflich zu Ende, aber verzichtet auf weitere Gespräche.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Sie haben ja gerade die Gefahr beschrieben für Menschen, die mit Ihnen sprechen, also die aus dem Regime kommen und die dann vielleicht beäugt würden. Was war mit Ihnen Ihrer Familie, den Botschaftern, den Botschaftsmitarbeitern selbst? Also wie oft hatten Sie das Gefühl, dass da jemand hinter Ihnen her ist, dass genau geschaut wird, wo sie unterwegs sind in Moskau?
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, das kann ich. Da brauchen wir das Wort Gefühl nicht zu bemühen. Man sieht die ja, also nicht immer, aber es gab Ereignisse, Also wir hatten Mitarbeiterinnen der Botschaft in Wladiwostok, da liefen die FSB Mitarbeiter, also um die die ganze Zeit herum warteten, vor Motel kam man raus, dann liefen die hinter einem her. Ich habe selber in Nesni Nowgorod eine ziemlich absurde Situation gehabt. Ich traf mich mit Deutschlehrern dort, Wir redeten über literarische, kulturelle Themen, den Status von Deutsch als Fremdsprache in Russland, also Dinge, die für, also die diese Menschen von Interesse sind und für uns als deutsche Botschaft auch. Und am Nebentisch, also wirklich literally direkt nebendran saßen zwei extrem unauffällige junge Männer in extrem unauffälliger Kleidung und dann stellte der eine sein Handy auf, filmte uns das gesamte Gespräch und nahm natürlich den Ton auch mit auf. Also da brauche ich kein Gefühl, da weiß ich, was Sache ist. Und ich weiß, dass der FSB uns praktisch durchgehend im Blick hat, auch wenn
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
man mal, kann man das überhaupt mal privat spazieren gehen in Moskau?
Alexander Graf Lambsdorff
Also Moskau, muss man dazu sagen, ist anders, weil Moskau ist komplett übersät mit Kameras und Gesichtserkennung. Sie können keine Metrostation gehen, ohne dass nicht eine Kamera ihr Gesicht erfasst und eine Gesichtserkennungssoftware drüber läuft, sodass wir da immer das immer bekannt, wo wir sind, auch unsere Privatautos, wenn wir privat irgendwo in den Wald fahren um eine Runde spazieren zu gehen. Unsere Nummernschilder sind selbstverständlich alle registriert. Die wissen genau, wo wir sind. Also in Moskau hat man nicht, dass sich Leute an den Nachbartisch setzen, jedenfalls normalerweise nicht. Die britischen Kollegen haben das, weil die, also die sind noch unfreundlicher als wir in der russischen verzerrten Wahrnehmung. Aber was haben die dann?
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Also da sind dann noch mehr Leute
Alexander Graf Lambsdorff
um die rum, oder die haben prinzipiell in Moskau auch immer Personen, die sie begleiten, begleiten in Anführungsstrichen. Und das haben wir in Moskau nicht. Bei uns in Moskau wird das elektronisch gemacht.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Aber wie lebt man damit, wenn man weiß, dass man die ganze Zeit irgendwie mit beobachtet wird?
Alexander Graf Lambsdorff
Man lebt damit. Es ist nicht schön, man lebt damit. Ich meine, wissen Sie, meine Eltern waren in Moskau 1982 bis 1985 noch in der. Sowjetunion im Kommunismus. Und die haben dort gewohnt in einem Gebäude, das das Außenministerium bereitstellte, wie viele andere Familien auch. Und da war eine ganze Etage, die sogenannte technische Etage, wo man als Bewohner mit dem Aufzug nicht hinkam. Und da liefen alle Kabel rein. Und wenn die aus dem Urlaub zurückkamen, standen vollgequarzte Aschenbecher auf dem Tisch. Es waren Papiere verschoben. Das ist so. Wenn man das nicht kann, darf man auch nicht hingehen. Das ist wichtig. Wenn man das nicht kann, darf man auch nicht hingehen. Ich kannte das schon. Meine Eltern sind damit klargekommen und wir sind auch damit klargekommen.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Jetzt ist es so, dass auch Sie immer wieder Ziel der russischen Propaganda geworden sind. Als Sie zum Beispiel einen Termin im russischen Außenministerium hatten, standen russische Reporter, also Mitarbeiter der staatlichen Propaganda davor und versperrten die Tür. Wollten Sie da provozieren. Wie sind Sie damit umgegangen, um dem Kreml da nicht in die Karten zu spielen und in eine Falle zu geraten, wenn so was passiert?
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, das ist zum Beispiel, da sieht man auch, Diplomatie ist Teamwork. Die stellen sich dann tatsächlich vor die Tür. Also ich muss ins Außenministerium, ich bin einbestellt worden, dann muss ich als Botschafter dahin. Das ist diplomatische Gepflogenheit, das kann man auch nicht ändern. Diese bestellten Journalisten stehen dann wie so ein Riegel vor der Tür und wollen einem genau solche provokativen Fragen dann, was heißt wollen, werfen einem dann diese provokativen Fragen an den Kopf.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Was fragen die dann da so?
Alexander Graf Lambsdorff
Warum Will Deutschland Krieg, Haben sie nichts aus der Nazivergangenheit gelernt, Ihre Waffen töten, russische Kinder und solche Sachen. Also so ein Kram. Wenn ich das alleine zu machen hätte, dann wäre das sehr unangenehm, weil dann müsste ich mich ja sozusagen physisch da durchkämpfen. Aber die Kolleginnen von der Botschaft, die dann begleiten, die machen das dann, sodass man also keine Bilder für die russische Staatspropaganda erzeugt, bei denen man quasi als Botschafter in eine Art Handgemenge gerät, sondern da wird dann der Weg gebahnt und die Tür wird aufgemacht, dann geht man rein und drinnen hat man dann die Gespräche.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Was haben Sie dort in Ihrer Zeit über russische Propaganda gelernt, was Sie so noch nicht kannten oder vorher aus Deutschland so nicht beobachtet haben?
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, eigentlich das Bemerkenswerteste an der russischen Propaganda ist, dass ihr Kohärenz, also innerer Zusammenhalt in ihrer Logik völlig egal ist. Also heute ist Deutschland das Land, das wegen der, wie ich finde, völlig richtigen Ansage des Bundeskanzlers die Bundeswehr wieder auf Vordermann bringen will und zu einer großen, der größten konventionellen Armee in Europa werden. Da sind wir sozusagen ein remilitarisiertes Land. Ich habe es eben schon mal gesagt, wie Nazi Revanchismus. Da kommen diese ganzen Geschichten. Also wir bedrohen den ganzen Kontinent und die Polen und die Franzosen wollen das auch nicht, so eine propaganda. Und wirklich 24 stunden später kommt eine Propaganda. Deutschland ist komplett kaputt, die Wirtschaft liegt am Boden, weil wir keine russische Energie mehr beziehen. Wir sind nur noch Vasallen der Amerikaner. Wir können überhaupt nichts mehr entscheiden. Ein kompletter diametraler Widerspruch. Hier ein völlig schwaches kaputtes Land, hier ein starkes Land im Aufbau als Bedrohung, das macht überhaupt nichts. Das wird binnen 24 Stunden beides ausgesendet und nochmal 24 Stunden später irgendwas anderes, was wiederum völlig neue Sachen hat. Also überhaupt keine innere Kohärenz.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Die Leute kaufen es trotzdem. Teils, teils hat sich das verändert in diesen drei Jahren.
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, die Rußen sind natürlich aus der langen Zeit der Sowjetunion Propaganda gewöhnt, so das muss man sagen. Das heißt, die kaufen das nicht alles für bare Münze. Und wenn man irgendwo mal privatpersönlich war, in Café und dann merken die ja an meinem Russisch, dass das nicht besonders gut ist. Also haben die Wo kommen sie denn her aus Deutschland, Wie wunderbar, wie schön Mensch, was machen Sie denn hier? Das ist ja toll, dass hier noch jemand ist, der uns besuchen kommt, weil die Rußen wissen ja natürlich auch, dass sie abgeschnitten sind von der Welt durch dieses Regime. Das heißt, die Propaganda wird nicht durchgehend gekauft. Das ist nicht so, aber sie ist auch nicht wirkungslos. Wenn Sie auf allen Fernsehkanälen ständig diese Geschichten hören, nicht nur über uns, natürlich auch über die Franzosen und die Amerikaner und die Japaner und die Kanadier und so weiter und so weiter, dann ist da dieses Bild vom bösen, bedrohlichen Westen, der bösen, bedrohlichen NATO, Es sickert schon so ein bisschen ein, insbesondere weil in den letzten Jahren der russische Informationsraum so abgeschottet worden ist. Also Twitter jetzt X, Facebook, YouTube, Instagram jetzt neuerdings auch ganz stark, Telegram sind stark eingeschränkt oder sogar verboten.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Konnten Sie das noch nutzen dann mit
Alexander Graf Lambsdorff
VPN, mit VPN kann man es benutzen, aber die gehen jetzt auch los und blockieren immer wieder und auch immer wirksamer die VPNs und haben ja dann, und das war eine Sache, wo die Leute wirklich sauer waren, phasenweise das mobile Internet in Moskau abgestellt. Draußen im Land ist das mobile Internet sowieso schon flächendeckend nur noch ganz sporadisch einsetzbar mit sogenannten weißen Listen. Also dürfen sie auf die Task zum Beispiel gehen oder auf GOS usw. Das ist ein Verwaltungsportal zur Bank. Also wer auf der weißen Liste steht, der kann auch erreicht werden über das mobile Internet, sonst niemand mehr. Draußen im Land ist das schon Realität, als das nach Moskau kam? Die Moskowiter sind schon ziemlich selbstbewusst. Es ist eine große Hauptstadt, eine riesenhafte Stadt und politisch das wichtigste Zentrum des Landes. Und als da das mobile Internet abgestellt wurde, paar Tage lang, da waren die Leute wirklich stinksauer. Aber zurück zum Die Abschottung, die damit verfolgt wird, diese Abschottung, die führt dazu, dass die Russinnen und Rußen zunehmend in einer Wirklichkeit leben, die der Kreml für sie schafft, während wir mit unserem offenen Medien und Diskussions und Debattenraum in einer anderen Realität leben. Wir werden uns dadurch fremder. Das kann man nicht bestreiten. Das ist so.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Haben Sie dort, weil Sie gerade berichtet haben, wie verwundert dort Kellner waren, dass jemand da war, der aus Deutschland kommt, haben Sie viele Deutsche dort getroffen, kennengelernt? Was sind das für Leute, die noch dageblieben sind?
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, ich will jetzt hier ein bisschen auch aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes da keine Details nennen. Aber es gibt natürlich noch Menschen, die dort leben, weil sie eine familiäre Verwurzelung haben, beispielsweise einen russischen Ehepartner, russische Kinder. Es gibt eine erkleckliche Zahl von Russlanddeutschen, die mal nach Deutschland gekommen sind, zurückgezogen sind. Um die kümmern wir uns mit dem Konsulat natürlich. Es gibt noch zwei deutsche Schulen für die Kinder, eine in Moskau, eine in Sankt Petersburg. Die sind kleiner geworden, als sie früher waren, aber es gibt sie noch. Also es gibt noch Deutsch. Es gibt auch ein paar Künstler, die hin und wieder kommen. Was es aber gar nicht mehr gibt, sind offizielle Delegationen. Also das war früher ja so, dass in Moskau jede Woche im Grunde zwei Delegationen aus Deutschland. Kamen, aus den Bundesländern, aus dem Bundestag, aus der Bundesregierung, Wirtschaft. So in meinen drei Jahren hatte ich keine einzige Delegation. Logisch, wer fährt ins Land des Aggressors und es ist eigentlich auch richtig so. Aber es gibt noch ein paar Deutsche, die da sind, bei weitem nicht mehr so viele wie in den ER oder Nullerjahren. Aber sie sind noch da.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Haben Sie Gerhard Schröder mal gesehen?
Alexander Graf Lambsdorff
Nein, aber ich weiß, dass er da war im Kreml. Ich höre, dass er dort Gespräche hatte. Genau.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Und da versucht man da Kontakt aufzunehmen Oder wie denkt man darüber, dass Gerhard Schröder da weiter versucht?
Alexander Graf Lambsdorff
Nein, also das ist eine Sache, das kann ich und will ich auch nicht kommentieren. Er ist Bundeskanzler a. D. Er hat eine besondere Beziehung zum russischen Staatspräsidenten, die kommentiere ich nicht. Die ist, wie sie ist und er kann hinfahren. Und wenn er den Präsidenten trifft, dann redet er mit ihm auf privater Basis. Für die Bundesregierung kann ich jedenfalls eindeutig sagen, dass er uns da nicht vertreten hat, sondern daran. Prima.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Ich würde gerne noch mal ein bisschen an den Anfang zurückgehen, weil sich das, glaube ich, viele, viele Menschen fragen, die nicht so in dem Diplomatenwesen, Botschaftswesen drin sind. Wenn man das macht, also wenn man nach Moskau Sand wird, mit welchem Auftrag geht man dahin? Also gibt es dann vorher noch mal ein Gespräch mit dem Bundeskanzler? Damals die Außenministerin Baerbock haben Sie schon erwähnt, die Sie da gefragt hat, ob sie den Job machen wollen. Aber gibt es da etwas, wo der Kanzler sagt, das sollten Sie erreichen oder diese Nachricht oder diese?
Alexander Graf Lambsdorff
Naja, aber der Auftrag ist relativ klar. Also wir hatten nach dem Beginn dieses Angriffskrieges ja die Beziehungen sehr stark reduziert einerseits. Andererseits bleibt Russland halt größtes Land der Welt, mit einer riesigen Atomstreitmacht, mit einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, mit einem globalen Reach qua Größe, die Grenzen an Norwegen und an Nordkorea, das muss man sich mal vorstellen, und an Finnland und an Japan. Also das heißt, zu verstehen, was in diesem riesigen Land los ist, ist für deutsche Politik. Für deutsche Politik. Entwicklung, Formulierung und Umsetzung ist wichtig. Und das ist unser Job. Also da brauchte ich jetzt auch keine detaillierte Instruktion, sondern für uns war Wir führen dort die Gespräche, wir analysieren die Statistiken, wir lesen die offiziellen State, pflegen Kontakte mit einem guten Blick, darüber haben wir schon gesprochen, um ein granulares Bild der russischen Politik, des Militärs, der Wirtschaft, der Kulturlandschaft zu entwickeln und das aufzuschreiben und nach Berlin zu schicken. Das ist unser Job. Das ist unser Job. Und der zweite Teil des Jobs, also wir lesen sozusagen, ich sage immer, wir müssen die Zeilen lesen und zwischen den Zeilen lesen. Nur zwischen den Zeilen zu lesen, also Kaffeesatzleserei zu betreiben reicht nicht und nur die offiziellen Statements zu lesen reicht auch nicht. Aber wenn Sie vor Ort sind und mit Leuten sprechen, die hier guck mal dahin, schau mal dahin, dann können Sie auch gut analysieren. Das funktioniert. Deswegen ist die Botschaft auch in meinen Augen enorm wertvoll. Das ist eine enorm wertvolle Arbeit, die wir da gemacht haben. Und der zweite Auftrag ist vollkommen klar, das ist der, der mir den Ärger mit der Propaganda teilweise eingetragen hat. Appelle zum Frieden. Also sowohl in, ich sag mal, nicht so sehr politischen Kontexten, Weihnachtskonzert, aber auch in politischen Kontexten, wenn ich Gespräche im Außenministerium geführt habe, dann war es vollkommen Der Krieg muss aufhören, es muss das Sterben enden und es muss eine Lösung gefunden werden, wenn wir zu einem dauerhaften und gerechten Frieden kommen, der der Ukraine ihr staatliches Überleben sichert. Und diese beiden Bestandteile, das eine wie das andere, die sind von vornherein klar gewesen.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie läuft in Krisensituationen diese Informationsvermittlung? Also es war, glaube ich, Ende 24 genau oder Anfang 24 als Alexei Nawalny starb in einem russischen Straflager. Und sehr wahrscheinlich wurde er eben vom russischen Regime ermordet. Was passiert in solchen Stunden?
Alexander Graf Lambsdorff
Also wenn Das war der 16. Februar, es war der erste Tag der Münchner Sicherheitskonferenz. Julian Nawal, naja, war in München. Ich auch und Sie erinnern sich vielleicht, dass es einen Gefangenenaustausch gab später im August. Es gab ja die Hoffnung, dass es gelingen könnte, ihr Nawalny mit zu befreien.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Also es hätte eigentlich früher passieren sollen. Es gab die Hoffnung, dass das will
Alexander Graf Lambsdorff
ich jetzt nicht im Detail, aber ich will nur diesen Zusammenhang machen. Und was in so einem Moment dann passiert, ist natürlich, dass erstmal ist da eine private Trauer bei der Familie. Also Frau Nawalnay hatte ihren Mann verloren. Und zum Zweiten ist es ein politischer Schock, weil Nawalny war der wichtigste Oppositionelle. Und da war ich nur als derjenige, der aus Moskau nach München gekommen war, wurde ich viel gefragt. Meine Antwort lautete, man musste gar nicht mit allem einverstanden sein, was Nawalny sagte. Der vertrat teilweise auch Positionen, wo wir als Deutsche gesagt hätten, na also, ist vielleicht ein bisschen sehr großrussisch. Das war aber für viele Rußen genau das Gleiche. Die waren nicht einverstanden mit allem, was er sagte, aber er war der Hoffnungsträger, dass es eine Alternative geben kann. Und mit Nawalny starb für viele Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Rußen die Hoffnung. Das war der eigentliche Schock an seinem Tod. Und als ich auf der Beerdigung dann war, das war die größte nicht organisierte Ansammlung von Menschen in Moskau seit mindestens 10, 12 Jahren. Das hat eine nicht Regierungsorganisation mal sozusagen ermittelte Leute, die spontan kamen und die
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
sich einem großen Risiko ausgesetzt haben.
Alexander Graf Lambsdorff
Und natürlich waren auch in dieser Gruppe, in dieser Maße, diese eben schon mal erwähnten auffällig unauffälligen Leute, die da mit Kameras alle filmten und sodass man sicher sein kann, dass diese Leute ein großes menschliches politisches Risiko eingegangen sind, Also persönlich und also sie merken, das bewegt mich nach wie vor sehr, weil egal was man jetzt von Nawalnys Positionen hält, er war der Ausdruck der Hoffnung, dass es eine Alternative geben kann. Und mit seinem Tod war für viele diese Hoffnung weg. Und das war wirklich schockierend. Das merkte man auf der Beerdigung. Die Leute waren wirklich verzweifelt, echt verzweifelt, wollten ihm als Menschen die letzte Ehre erweisen auf der menschlichen Ebene, bei der privaten Trauer. Aber dann auf der politischen Ebene war es einfach fürchterlich.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Und gleichzeitig geht es in so einem Zeitpunkt dann ja auch darum herauszufinden, wie ist er wirklich gestorben? Also kann man es nachweisen, dass das russische Regime dahintersteckt, dann der Botschafter da eine Rolle?
Alexander Graf Lambsdorff
Nein, das sind forensische arbeiten, kriminaltechnische Arbeiten. Das ist weder unsere Ausbildung noch unsere Aufgabe. Es ist richtig und wichtig, dass das gemacht wird, aber das ist nicht Aufgabe einer Botschaft.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Mich interessiert, wie also diese Analysen, die Sie machen, wenn Sie in Russland sitzen, Sie haben das ja gerade beschrieben, wie intensiv Sie da Ihre Mitarbeiter recherchieren, aber eben auch Menschen treffen. Und dann ist es ja so, dass Sie Lageberichte nach Berlin schicken. Was sind das für Berichte? Worüber schreiben Sie da?
Alexander Graf Lambsdorff
Naja, das jetzt sozusagen Kerngeschäft jeder deutschen Botschaft auf der ganzen Welt, das ist jetzt nicht exklusiv Moskau. Man schreibt über die Politik des Gastlandes, man schreibt über die Wirtschaft des Gastlandes im Land des Aggressors. Russland schreibt man natürlich auch über die Kriegsführung, auch die Entwicklung auf militärpolitischem Gebiet
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Und welche Informationen hat man da, vor allem die öffentlich zugänglichen, also russische Zeitungen.
Alexander Graf Lambsdorff
Alle Informationen, die Sie durch Recherchen und Gespräche und Analysen ermitteln und die Ihnen plausibel erscheinen, werden in Berichte gefasst, die dann nach Berlin gehen, damit die Bundesregierung in Berlin eine gute, eine gut informierte Politik machen kann. Wie gesagt, das ist unser Job. Wir sind eine Antenne, wir sind ein Außenposten und wir sind sozusagen wie so eine Art Empfangsantenne für alles, was da reinkommt. Und unser Job ist es, so aufzuarbeiten, dass man in Berlin gut informiert ist, keine Fehleinschätzungen hat. Fehleinschätzungen in der internationalen Politik sind was Gefährliches muss immer vermieden werden und das ist der Job. Und deswegen ist es auch eine wertvolle Arbeit.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wenn Sie so zurückblicken, wie oft hat sich Ihre Einschätzung verändert oder die der Botschaft auch was die Situation in Russland angeht, Putin angeht, vor allem im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine, Weil wenn ich darauf zurückblicke, jetzt kann ich leider nur in die Ukraine und dort recherchieren, aber selbst da fallen mir so viele unterschiedliche Zustände ein, auch indem man ein Land vorfindet, wo es gerade ist und wie viel Hoffnung doch da ist und plötzlich ist wieder Hoffnung da. Wie war das in Russland, sowohl in der wirtschaftlichen Entwicklung als dann auch eben in der Frage, was da an der Front passiert?
Alexander Graf Lambsdorff
Also die großen Trends haben wir gut im Blick gehabt. Russland beispielsweise, die Schwächung seiner außenpolitischen Position durch diesen Krieg mit dem Beitritt Schwedens und Finnlands zur NATO ist ja die Ostsee, die für Russland schon historisch und strategisch immer irre wichtig war. Die Ostsee hat einen völlig veränderten Charakter jetzt, weil die beiden Länder auch in der NATO sind, ein wirklich schwerer strategischer Schlag für Russland. Aber dass Russland außenpolitisch sozusagen auf eine abschüssige Bahn geraten würde, das war uns eigentlich klar. Was die Wirtschaft angeht, waren wir überrascht erstmal von der Dynamik des Wachstums so in den ersten Kriegsjahren. Also dieser Kriegsboom, der war deutlicher, als wir es vielleicht erwartet hatten. Aber dass sich das Modell irgendwann totlaufen würde, war eigentlich auch klar. Und so sehen wir es jetzt. Also die russische Wirtschaft ist zurzeit in keiner guten Verfassung die größte Überraschung. Achso, und dann natürlich innenpolitisch muss man sagen, auch was die zunehmende Repression angeht, auch da hatten wir eigentlich ein gutes Gefühl. Wenn man liest und hört, was in Moskau geschrieben und gesagt wird, dann ist es klar, es geht in Richtung weiterer Repression. Also die Daumenschrauben werden immer enger angezogen, die bürgerlichen Freiheiten, die demokratischen Rechte geraten immer stärker unter Druck. Das sehen wir ja. Was aber überrascht hat, was wirklich überrascht hat ist, und Herr Ronsheimer, das wissen Sie im Zweifel besser als ich, der ich da aus Moskau drauf geschaut habe, ist die Entwicklung in der Ukraine und die Auswirkungen der Entwicklung in der Ukraine, was Technologie, was Innovationskraft, was militärische Fähigkeiten angeht und die Auswirkungen dieser Entwicklung in der Ukraine auf das russische Hinterland. Also was wir jetzt sehen, dass die Wildberrys Lager angegriffen werden, das ist wie bei uns Amazon, aber noch größer, dass die Raffinerien angegriffen werden, teilweise sogar in Sibirien, also in Omsk ist eine angegriffen worden, sehr weit hinter der Front, Dass eine riesige Raffinerie in Moskau übrigens direkt gegenüber vom Graf von Alexej Nawalny liegt, in Kaputnja, dass die in die Luft fliegt und wir in Moskau plötzlich eine Benzinkrise haben. Man darf nicht vergessen, die russische Regierung hat alles getan, um den Krieg möglichst aus Moskau fernzuhalten. Und indem jetzt da die Raffinerie explodiert durch eine ukrainische, durch den ukrainischen Angriff und die Leute Schlange stehen und keinen Sprit mehr kriegen, ist natürlich der Krieg auch in Moskau angekommen. Also mit anderen Ich glaube, dass unser Blick auf die Entwicklungen in Russland die großen Trends wirklich ganz gut im Blick hatte und da auch gut in der Spur war und auch nach wie vor ist, Aber Die ukrainische Kriegsführung und deren Entwicklung und ihre Auswirkungen auf Russland, die waren in dem Ausmaß jedenfalls für uns
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
schon überraschend, diese Gesprächspartner, die Sie im Laufe der Jahre erlebt haben. Wie überraschend war das für die, dass das passieren würde? Also dass Russland auch so schwach ist in der Flugabwehr und dass plötzlich der Krieg in Moskau zu sehen ist und in Sankt Petersburg und zu spüren.
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, das mit der Luftabwehr ist ganz interessant. Also einer der Faktoren, die viele ja am Anfang sahen als ein Vorteil für Russland, nämlich die Größe des Landes ist jetzt, was die Luftverteidigung angeht, ein Nachteil, weil so ein riesiges Land wie Russland, und wie gesagt, man kann sich das gar nicht groß genug vorstellen, das ist wirklich gigantisch. In Moskau wohnen 16 17 Millionen Menschen, keiner weiß es ganz genau. Das Gebiet Moskau, nur das Gebiet Moskau um die Stadt herum ist doppelt so groß wie das Bundesland Hessen. Also und das ist nur eines von paderalen Subjekten. Also es ist alles wirklich riesig. Und das zu verteidigen mit Luftverteidigungsmitteln, das ist wahnsinnig schwierig. So hat sich eine Stärke quasi in eine Schwäche verwandelt, die die Ukraine im Moment ausnutzt. Und das hat natürlich auch unsere Gesprächspartner überrascht. Ist ja vollkommen klar. Die werden das, je nachdem, wo sie politisch stehen, mal zugeben und mal nicht zugeben.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Aber so ist es. Wie groß schätzen Sie die Auswirkungen ein? Also die einen Ja, es ist da, es sind Schlangen, aber auch das wird wieder vorübergehen und im Winter ist dann Russland wieder in der Überhand Und andere Nein, das könnte sich wirklich noch weiter verschlimmern. Sie haben die Wildberries Fabriken angesprochen und andere Strategien der Ukraine. Wie schätzen Sie das ein, diese Dynamik?
Alexander Graf Lambsdorff
Also dass das dem russischen System Schmerzen zufügt, ist klar, dass das auch in den Haushalten ankommt. Benzin und Wildberry sind die beiden besten Beispiele. Ist auch klar, dass sich das irgendwie politisch umsetzt. Jetzt in innenpolitischen Druck auf das Regime, das sehe ich eher weniger, denn das Regime hat einen so riesigen Sicherheitsapparat, dass da jede Regung sofort registriert und entweder kanalisiert oder unterdrückt wird. Ich glaube aber, dass nach den Duma Wahlen im September es eine Möglichkeit gibt und man diskutiert dass Russland inzwischen die Regierung dementiert ist, aber ich halte es eher für wahrscheinlich, dass es noch mal zu einer Mobilisierung kommen könnte. Die Voraussetzungen dafür sind erheblich besser als noch 2022 die technischen Voraussetzungen. Wohlgemerkt, weil man das ganze Wehrerfassungswesen digitalisiert hat. Und das heißt, Sie kriegen als junger Mann dann auf Ihr Handy eine Sie sind jetzt mobilisiert und diese Nachricht geht parallel an alle Grenzschutzstationen des gesamten Landes, sodass Sie das Land nicht mehr verlassen können. Und diese digitale Wehrerfassung ist was Neues ist, was es auch der russischen Regierung erlaubt, diese Mobilisierung nicht auf einen Schlag durchzuführen, sondern quasi schleichend. Aber dass eine Mobilisierung vermutlich kommen wird, halte ich für eher wahrscheinlich.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Was würde diese Mobilisierung bedeuten? Also wie viele würde das betreffen?
Alexander Graf Lambsdorff
Das steht völlig im Ermessen des Verteidigungsministeriums, im Grunde des Präsidenten, das entscheidet als der Präsident. Aber das können natürlich mehrere hunderttausend Menschen sein. Sie müssen sehen, dass wenn Sie aus der Zivilbevölkerung mobilisieren, natürlich die Streitkräfte diese Leute auch aufnehmen können müssen. Insofern ist es nicht unbegrenzt. Aber wie viele das im Einzelnen werden können, das steht im Ermessen des Präsidenten. Es können mehrere hunderttausend sein.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wir haben am Anfang über Ihre erste Begegnung mit Wladimir Putin gesprochen. Das war Übergabe des Beglaubigungsschreibens, als der Aufstand der Wagner-Söldner gerade wenige Monate. Her war und Putin davor zumindest sehr nervös war, da ja schon von Bürgerkrieg und Putsch die Rede war. Also das war alles so kurz bevor Sie ins Amt kam als Botschafter. Wie haben Sie Putin in der Entwicklung danach betrachtet? Haben Sie ihn noch mal getroffen? Wie war Ihr Blick auf die Entwicklung?
Alexander Graf Lambsdorff
Also ich habe ihn persönlich danach nicht mehr getroffen, weil wir ja als Unterstützer der Ukraine aus russischer Sicht als unfreundliches Land gelten und die Regierungsvertreter die Kontakte mit uns sehr eingeschränkt haben. Ich habe auf ihn geschaut als jemanden, der sich von einer historischen Mission beseelt empfindet, Die Dieser fürchterliche Krieg ist ja nicht zu erklären durch russische nationale Interessen. Der widerspricht ja Russlands nationalen Interessen. Wir haben eben über die Außenpolitik gesprochen, Finnland und Schweden in der NATO. Wir haben über die Wirtschaft gesprochen, die verliert weiter an Wettbewerbsfähigkeit. Also wenn man normalerweise von nationalen Interessen ausgehen würde, würde man denken, so einen Krieg, den darf es nie geben. Putin denkt aber anders und er schreibt das ja auch auf. Er hat ja diese Aufsätze geschrieben
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
vor
Alexander Graf Lambsdorff
Beginn der, vor, ja, und zwar nicht nur der eine, über den alle reden über Rußen und Ukrainer, sondern es gab davor auch noch welche. Und deswegen, weil er von dieser seiner historischen Mission, seiner angeblichen erfüllt ist, war ich relativ sicher, dass er den Krieg bis zu einem Punkt treiben würde, an dem er sozusagen sagen kann, jetzt habe ich etwas Historisches erreicht. Und ich sehe im Moment auch keine Bereitschaft bei ihm sozusagen von diesem Ziel abzuweichen. Also mindestens der Donbass muss aus seiner Sicht, aus seiner, wie ich finde, ja völlig verzerrten und völkerrechtswidrigen und russischen Interessen zuwiderlaufenden Sicht, muss also der Donbass unbedingt noch erobert werden.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Woran machen Sie die Sicht fest? Aus dem, was er öffentlich sagt oder das, was Sie hören, was andere über ihn denken?
Alexander Graf Lambsdorff
Also erstens sagt er genau das. Zweitens ist ja dieses Es ist keine reale Geschichte, aber die Rußen behaupten ja, es hätte im Donbass einen Völkermord an den Russischsprachigen gegeben. Das ist Quatsch, das hat es nie gegeben. Aber daraus leiten sie eben ab einen Schutzauftrag für die russophone Bevölkerung dort. Dieser Schutzauftrag sieht so aus, dass sie alle Städte in Schutt und Asche bombardieren, um anschließend mit der Infanterie einzurücken. Das ist also, wenn man weiß, dass man in der Ukraine völlig normal russisch reden kann und ukrainisch mindestens mal vor dem Krieg. Das ist alles, wie gesagt, narrativ, es ist nicht wirklich real, aber das macht nichts. Es ist seine Geschichte, die er dem russischen Volk erzählt hat. Es ist eine Geschichte, an die mindestens Teile des Apparats auch glauben. Und deswegen glaube ich, er wird das weitertreiben. Und die neueste Wendung extrem besorgniserregend, das ist die Ansage, dass er eben an der Westgrenze Donbass nicht halt machen will, sondern seine Maximalforderung sogar noch weiter ausgedehnt hat, also jetzt noch in Aussicht stellt, noch weitere Gebiete zu erobern. Das muss man nicht für bare Münze nehmen. Das sind oftmals auch so Verhandlungspositionen. Also wir wollen das auch noch erobern und dann sagen die aber nein, bitte nicht. Dann sagt dann die russische Seite, na gut, dann machen wir das nicht und verkauft das dann als Zugeständnis.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Genau deswegen fragte ich Es könnte ja auch Taktik sein, dass er hart bleibt.
Alexander Graf Lambsdorff
Beides ist es beides. Also beim Donbass, bei der Westgrenze, Donbass, glaube ich, ist es mehr als Taktik. Da ist es substanziell. Andere Ansagen sind teilweise taktisch. Also beispielsweise die Forderung, die NATO muss sich mit ihren militärischen Einheiten ihrer Mitgliedstaaten hinter die Stationierungsorte von 1997 zurückziehen. Das ist eine russische Forderung, offiziell Januar, Quatsch, Dezember 2021. Es ist vollkommen klar, dass es absolut abwegig ist, weil dann wäre ganz Mittelosteuropa ohne NATO Verteidigung. Aber indem man die Forderung erstmal aufstellt, hat man sozusagen einen Verhandlungscheip, einen Bargaining Chip auf den Tisch gelegt. Und dann sagt man ja, wenn wir den runternehmen, ist das ein Zugeständnis. Wenn das Gegenüber drauf reinfällt, hat man schon was erreicht.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Jetzt ist es ja so, dass die Taktik der Ukrainer ist, Druck zu machen weiter auf Russland. Die Angriffe, über die wir gesprochen haben, Der Krieg soll ankommen in der Bevölkerung, gleichzeitig die Drohnenangriffe und die Frontverteidigung. Die Tatsache, dass Russland sehr viele Menschen dort verliert, Männer an der Front verliert und auch Probleme hat. Die Ukraine hat auch große Probleme zu rekrutieren, aber die Rußen eben auch. Und ich will es mal so formulieren, das Ziel ist zu sagen, Putin hat so viel Druck und wir haben jetzt auch Donald Trump irgendwie umgekehrt und dann müsste doch Putin irgendwann bereit sein zu verhandeln.
Alexander Graf Lambsdorff
Klingt logisch, muss aber nicht unbedingt funktionieren. Kann funktionieren, muss aber nicht funktionieren. Einfach deswegen, weil aus russischer Sicht, wenn Sie sich jetzt mal Das ist ja auch ein Job von Diplomaten. Wir müssen versuchen, uns in die Köpfe des Gegenübers hineinzuversetzen. Und wenn Sie das im Kreml sehen, dann haben Sie jetzt im Moment eine amerikanische Administration, die ist mit dem Iran beschäftigt und mit Gaza beschäftigt und hat eine Midterm Election vor der Brust, ist völlig abgelehnt, kümmert sich nicht mehr um das Thema. Das letzte Treffen von Sergej Lawrow, dem Außenminister aus Russland, und Marco Rubio, dem amerikanischen Außenminister, in Manila, dauerte 35 Minuten, aber es wird vorbei. Da passiert nichts im Moment. Zwischen mit uns, mit den Europäern will Russland nicht reden. Mit uns will man nicht reden, weil wir ja die stärksten Unterstützer der Ukraine sind und man sich aus Moskau nochmal Wir setzen uns jetzt in den Kopf von Wladimir Putin, sieht man sich auf Augenhöhe mit Washington. Wenn jetzt aber die Europäer keine Gesprächspartner sein sollen und die Amerikaner keine Gesprächspartner sein wollen, dann bleibt die militärische Option. Und dann kann die Ukraine natürlich genau mit dieser Strategie versuchen, unheimlichen Druck zu machen. Aber es muss ja dann irgendwann sozusagen eine Idee entwickelt werden, mit wem soll man reden? Dann stellt sich die Frage aus der Sicht des Kreml wohlgemerkt, mit wem kann man denn dann reden? Und Sie lehnen ja auch Selenskyj ab als Gesprächspartner. Sie lehnen ja auch die Ukraine als Gesprächspartner ab. Also diese Ansage von Putin, Selenskyj kann nach Moskau kommen, ist ja nicht ernst gemeint. Das weiß er ja, dass er das nicht tun kann. Und von daher glaube ich, ist zurzeit aus der Sicht des Kreml, wir sind immer noch im Kopf, das militärische Vorgehen ist das Einzige, was man beherrscht, was man kennt, was man kann. Zwar Nicht perfekt, aber man kann es. Und deswegen ist es der Vektor, auf dem sich die russische Linie zurzeit bewegt.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Auf was müssen wir uns in Deutschland einstellen in den nächsten Jahren?
Alexander Graf Lambsdorff
Das ist schwer zu sagen. Das wird sehr davon abhängen, wie der Krieg endet. Banner endet. Ich glaube, wir müssen uns einer Tatsache wirklich gewahr Selbst wenn der Krieg endet, das Regierungssystem in Russland ist eines, das unserem offenen, demokratischen Regierungssystem überhaupt nicht entspricht. Und das bedeutet, dass wir vermutlich auch in der Zukunft angespannte Beziehungen haben werden. Aber angespannte Beziehungen kann man managen. Da sterben nicht notwendigerweise Tausende von jungen Menschen jeden Tag an der Front. Also das ist nicht schön. Man hat lieber eine freundschaftliche Beziehung zu anderen Ländern, aber eine angespannte Beziehung kann man managen. Wenn so ein Krieg aber jeden tag, wie gesagt, 1000 Leute ums Leben kommen, 2000 Leute ums Leben kommen, dann haben wir eine völlig andere Situation.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Ist es auch Aufgabe eines Botschafters in Moskau mit zu verhindern, dass es eine direkte Konfrontation zwischen Russland und der NATO gibt?
Alexander Graf Lambsdorff
Natürlich. Also das ist vollkommen klar. Also die direkte Konfrontation Russland NATO, die wird ja von der NATO sozusagen rein defensiv gesehen und wir bereiten uns auf die Möglichkeit vor, dass es dazu kommen kann. Aus Moskau hören Sie eine ganz andere Sprache, teilweise sehr aggressiv aus den Propagandakanälen gegenüber einzelnen NATO Mitgliedsstaaten, baltischen Staaten, beispielsweise Polen, aber auch uns Deutschen gegenüber.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Was sagen die Internen, also abseits der Propagandakanäle, das kennen wir ja, aber was sagen Gesprächspartner, die sie kennen? Für wie wahrscheinlich halten die das, dass
Alexander Graf Lambsdorff
es zu einer direkten Konfrontation kommt? Also was sie nicht für wahrscheinlich halten, ist eine ganz große Konfrontation. Ehrlich gesagt fehlen Russland dafür auch die Ressourcen. Das ist vollkommen klar.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Im Sinne von großer Krieg.
Alexander Graf Lambsdorff
Im Sinne von großer Krieg. Aber was man durchaus hört, ist, wir könnten hier was machen, wir könnten da was machen, wir könnten in der Ostsee provozieren, wir könnten an der Grenze zu Land XY. Und das geschieht ja teilweise auch schon, nicht wahr? Also das ist das, was man hört. Das können Sie auch bei Beobachtern, bei Politikwissenschaftlern nachlesen, dass es diese Diskussion gibt. Wird die NATO getestet? Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Es ist eine Möglichkeit, die mitgedacht wird in der russischen politischen Führung. Und dann müssen wir uns eben darauf einstellen, in so einem Test als NATO zusammenzustehen und klar defensiv, wie heißt es, jeden Quadratzentimeter von NATO Territorium auch zu verteidigen.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Jetzt haben wir über Ihre eine Begegnung mit Wladimir Putin gesprochen. Welche anderen Offiziellen haben Sie in Russland getroffen? Wie viel Kontakt hatten sie mit Sergej Lawrow zum Beispiel, russischen Außenminister oder mit anderen, die in der Regierung eine Rolle spielen?
Alexander Graf Lambsdorff
Also wie gesagt, aus der Regierung heraus Botschafter von unfreundlichen Staaten kontaktiert wurden, hat es praktisch nicht gegeben, einfach weil man gesagt hat, die unterstützen die Ukraine, mit denen reden wir nicht. Das war aber die politische Ebene drunter. Auf der Ebene, sagen wir mal, der Professionals, also derjenigen, die in diesen Beziehungen arbeiten, da hat es Kontakte und Gespräche gegeben, Aber da kann ich jetzt nichts im Detail zu sagen, außer dass es sie gegeben hat.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie ist das, wenn man ins russische Außenministerium einbestellt wird?
Alexander Graf Lambsdorff
Naja, eine Einbestellung ist nie erfreulich.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie oft ist Ihnen das passiert?
Alexander Graf Lambsdorff
Fünfmal?
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Fünfmal?
Alexander Graf Lambsdorff
Fünfmal? Ja, ja, ich bin fünfmal einbestellt worden. Das hätte ich auch nicht gedacht.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wie läuft das ab? Also dann rufen die an und sagen,
Alexander Graf Lambsdorff
ja, die rufen an, nachmittags Bitte morgen um 11 im Außenministerium sein. Oder es kommt WhatsApp, wenn sie ankommt. Das ist auch so eine Frage, weil wegen der Internetsperren und WhatsApp Sperren ist das auch so. Aber Tatsache ist, man kriegt die Nachricht und dann hat man dort zu sein. Das ist, wie gesagt, Gepflogenheit und da rütteln wir auch nicht dran. Das ist einfach so. Und dann geht man dahin und dann kommt es ein bisschen auf Thema und Gesprächspartner an. Manche machen dann sehr professionell, verlesen einen Text, hören sich die Antwort an und Herzlichen Dank, dass Sie gekommen sind, Herr Botschafter. Und dann geben wir wieder andere.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Wer liest das vor?
Alexander Graf Lambsdorff
Das sind meistens Generaldirektoren, die für bestimmte Regionen zuständig sind, aber in anderen Fällen bei der Pressesprecherin des Außenministeriums kann das durchaus ein bisschen unangenehmer sein. Also das gibt dann recht lebhafte Debatten, weil ehrlich gesagt, was uns da zum Teil vorgehalten wird.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Was war das?
Alexander Graf Lambsdorff
Ach naja. Also wir haben zur Benzinkrise ein Video gemacht, das wurde sehr viel angeklickt, weil es ja vollkommen klar ist, dass die Benzinkrise ausgelöst worden ist durch Russlands Angriff auf die Ukraine. So, das ist so. Das hört man nicht so gerne im Außenministerium, dass das so ist. Aber unser Video, was wir ganz normal im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit gemacht haben, war ganz klar. Also liebe Bürgerinnen und Bürger, wenn Sie wollen, dass die Benzinkrise endet, hätten wir einen Frieden, Schluss mit dem Krieg. Und das wurde angeklickt wie verrückt. Die Leute fanden das super und im Außenministerium fand man es nicht so.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Das war im Account der Botschaft, der Botschaft, der Botschaft. Und
Alexander Graf Lambsdorff
da gibt es dann, da gab es dann eine Einbestellung. Und dann war aber klar, man kann ja nicht nur über das Video schimpfen. Also musste dann eine lange Geschichte erzählt werden über deutsche aggressive Politik gegenüber Russland im Grunde seit schon immer. Und das war dann also eine zweistündige Übung, in der also Frau Sacharowa mir eine Art lange Liste von irgendwelchen Vergehen, angeblichen Vergehen Deutschlands vorhielt, die teilweise einfach sachlich falsch waren. Und da gehe ich dann rein.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Haben Sie das Gefühl, dass diese Propagandisten das selbst glauben, was sie dann da so vortragen? Weil das sind ja oft auch schlaue Leute.
Alexander Graf Lambsdorff
Zum Teil definitiv ja. Zum Teil definitiv, ja. Es gibt wirklich eine große Gruppe von Menschen im russischen System, die der wirklich festen Überzeugung sind, dass der Westen Russland übel will, dass die NATO ein aggressives Bündnis ist, das gegen Russland arbeitet. Es gibt Leute, die glauben das wirklich. Man muss dazu sagen, ich will das mal beim NATO Punkt, das ist wichtig. Die meisten Rußen wissen ja gar nicht, was die NATO wirklich ist. Die haben so eine vage Vorstellung. Das ist so eine Art westlicher Warschauer Pakt. Da sitzt einer, der sagt allen anderen, wo es langgeht und es geht immer gegen den Gegner halt Warschauer Paktlogik dass die NATO völlig anders funktioniert, rein defensiv ist, im Konsens arbeitet, intern auch ihre Debatten hat, das weiß man dort nicht. Dort ist die NATO so eine Art ferner, aber gleichzeitig bedrohlicher Gott sei bei uns. Also das ist so. Und da gibt es eine ganze Reihe von Leuten, auch intelligenten Leuten, die der ernsthaften Überzeugung sind, die NATO seine Bedrohung für Russland, obwohl es nicht ein einziges Mitgliedsland der NATO gibt, das auch nur einen einzigen Quadratzentimeter russischen Geländeskontrolle.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Es gibt ja auch Leute in Deutschland, die das behaupten, nicht so wenige.
Alexander Graf Lambsdorff
Dazu kann ich nichts sagen.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Andere Debatte jetzt, wenn man einbestellt wird, da gibt es dann ja, gab es auch politische Punkte, richtig. Also was sich dann nicht gegen irgendwie etwas richtete, was Sie gemacht haben, sondern dann direkt gegen etwas, was die Bundesregierung entschieden hat oder getan hat?
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, also ich bin einmal einbestellt worden, weil es ein neues Marinekommando in Rostock gab, das Lagebild für die Ostsee macht und da wurde mir vorgehalten, das sei ein Verstoß gegen den 2 4 Vertrag, weil wir also der Vertrag, der die Wiedervereinigung geregelt hat, nach außen absurd. Dann gab es ein Treffen eines Abgeordneten mit einem tschetschenischen Exilpolitiker. Da wurde mir vorgehalten, dass Bundestagsabgeordnete irgendwelche Extremisten unterstützen würden. Das war ein ganz normales Treffen, Gespräch. Es gab eine angebliche Verletzung russischer Souveränität durch meine Kollegin in Tokio, die sich in Nordjapan aufgehalten hat und was zum ungeklärten Status von einer bestimmten Inselgruppe gesagt hat. Also das ist manchmal sehr detailliert, manchmal ist man wirklich überrascht. Interessant an der ganzen Geschichte ist, dass im Regelfall nicht mitgeteilt wird, warum man einbestellt wird.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Das heißt, man rätselt dann selbst, wenn man auf dem Weg hin ist.
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, und ich muss sagen, es ist uns dann immer gelungen, ein kleines Detail an Informationen zu bekommen. Und wir hatten also fünf von fünf wussten wir, worum es ging.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Jetzt haben wir ganz viel über die Probleme und die großen Sorgen und all das, was in den letzten Jahren passiert ist, gesprochen. Gibt es irgendetwas, was Sie dort erlebt haben, was Ihnen Hoffnung macht, dass in 5, 10, 15, 20 Jahren, dass sich diese russische Gesellschaft verändern könnte, dass das Regime irgendwann stürzen könnte oder mit welchem Blick sind Sie da wieder in die Freiheit gelangt?
Alexander Graf Lambsdorff
Ja, also wichtig ist, wir arbeiten da nicht irgendwie an einem Regimesturz oder sowas, sondern wir sind da als Beobachter und als Leute, die zum Frieden appellieren und als Analysten. Das ist die Grundlage unserer Arbeit. Das ist ganz wichtig. Es gibt diese Hoffnung, weil sie in Moskau auf Menschen treffen und nicht zu wenige, die friedliebend, die demokratisch, die weltoffen sind und die natürlich unglücklich sind mit der Situation, die sich teilweise schämen für das, was ihr Land tut. Ich habe Menschen gesehen, die in Tränen sind, wenn die Bilder aus Kiew kommen, wenn wieder Raketen eingeschlagen sind, weil sie sich so schämen. Das sehr emotional, das muss ich wirklich sagen. Und diese Menschen, diese wahnsinnig mutigen Menschen, die immer noch sich für Menschenrechte einsetzen, die sich für demokratische Rechte einsetzen. Diese kleine Partei, ja, Blockgruppe beispielsweise, jetzt gerade zur Wahl zugelassen ist die einzige legale Partei, die für Frieden und Freiheit eintritt, die wird keine Chance haben. Das ist vollkommen klar. Die Ergebnisse der Duma Wahl waren ja schon in der Zeitung nachzulesen. Aber diese Menschen, die trotz dieses enormen Drucks, ja ich sag mal, zu demokratischen humanitären Werten stehen, die machen Hoffnung.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Aber es sind doch nur so wahnsinnig wenige, oder?
Alexander Graf Lambsdorff
Es sind wahnsinnig wenige, natürlich, aber es gibt sie und es gibt Russinnen und Rußen, die schauen nach Deutschland, die schauen nach Westeuropa und wir wollen eine offene Gesellschaft haben. Wir wollen frei leben. Wir wollen das, was bei uns in der Verfassung auf Papier steht, in der Wirklichkeit haben. Wir wollen diese Unterdrückung von Minderheiten nicht mehr haben. LGBT beispielsweise, ein Riesenthema. Es gibt einen Beschluss, dass die sogenannte, es gibt sie gar nicht, internationale LGBT Bewegung, das ist keine Organisation, das ist eine Fiktion eines russischen Gerichts, die ist zu Extremisten erklärt worden. Was bedeutet das? Dass junge Mädchen, vielleicht lesbisch, in Jekaterinburg mit dem Regenbogenohrring über die Straße laufen und von der Polizei von der Straße geholt werden, verhaftet werden. Das ist passiert. Der Betreiber eines Clubs in Orenburg, LGBT Club, ist gerade zu sieben Jahren Haft verurteilt worden wegen Propaganda für eine extremistische Organisation. Das ist diese fiktive. Das sind alles Dinge. Ich hatte am Anfang über diese Repression gesprochen, nur mal um das zu illustrieren. Das ist einfach wirklich hart. Und diese kleine Partei Jablocker, über die ich gesprochen habe, der stellvertretende Vorsitzende, ist auch gerade zu sieben Jahren Straflager verurteilt. Worden. Einer von deren anderen stellvertretenden Vorsitzenden, ein ganz besonders bemerkenswerter hochintelligenter, gebildeter Mann lebt in Pskow, ist seit einem Jahr in Untersuchungshaft. Dem wird jetzt demnächst auch der Prozess gemacht. Der Vorsitzende kann bei der Wahl nicht antreten wegen einer lächerlichen Verwaltungsstrafe, die, was weiß ich, 15 Euro, aber man darf, verliert ein Jahr das Recht bei der Wahl anzutreten. Das heißt, systematisch wird politisch und zivilgesellschaftlich die Unterdrückung immer weitergetrieben. Und ja, es sind wenige, die sich rühren, weil es einfach so gefährlich ist. Aber die wenigen, die da sind, haben meine, meine ganze Hochachtung wirklich. Und sie sind ein bisschen so der Aufhänger für Hoffnung.
Podcast Host (possibly Ronsheimer)
Herzlichen Dank, dass Sie bei uns zu Gast waren und wir wünschen Ihnen natürlich alles Gute auch in Ihrem neuen Job. Sie werden jetzt Botschafter in Israel. Auch das natürlich eine sehr herausfordernde Aufgabe. Herzlichen Dank für Ihre Zeit.
Podcast Outro Host
Danke, danke, dass ihr wieder zugehört habt. Vielen Dank auch für das viele Feedback auf Ronsheimer TV. Da findet ihr auch alle meine Social Media Accounts, wo ihr mich persönlich kontaktieren könnt. Das glauben manchmal die Leute gar nicht, aber ich schaue mir die Kommentare tatsächlich selbst an und ich bitte lasst weiter Likes da bei Spotify, Apple, wo auch immer ihr den podcast hört, bei YouTube natürlich, wo ihr den Podcast auch sehen könnt. Und ich freue mich, wenn ihr uns abonniert und das hilft uns wirklich sehr. Und ich bedanke mich natürlich in erster Linie bei meinem großartigen Team, bei Philipp Jatow in der Redaktion, bei Lieven Jenrich in der Produktion und natürlich an meinen Producer Daniel van Moll. Herzlichen Dank und alles Liebe.
Podcast: RONZHEIMER.
Host: Paul Ronzheimer
Episode: Inside Moskau: Putin plant eine böse Überraschung. Mit Alexander Graf Lambsdorff
Date: August 2, 2026
In diesem ausführlichen Interview spricht Paul Ronzheimer mit Alexander Graf Lambsdorff, Deutschlands ehemaligem Botschafter in Moskau (2023–2026), über dessen Erfahrungen im zunehmend autoritären Russland, den Wandel im Machtapparat Putins, die Arbeitsweise und Gefahren für Diplomaten, die Dynamik des Kriegs in der Ukraine und die aktuellen wie zukünftigen Herausforderungen für Europa und die westliche Welt im Umgang mit Moskau. Ein Fokus liegt auf der Verengung der Handlungsoptionen Putins, dem Alltag unter Beobachtung sowie dem Verschwinden zivilgesellschaftlicher Freiräume in Russland.
Russland bewegt sich weg von westlichem Dialog: Lambsdorff beschreibt, dass der Kreml mit Europa nicht reden will, da diese als stärkste Unterstützer der Ukraine gelten. Stattdessen sieht er sich auf Augenhöhe mit den USA. Da auch die Amerikaner keine Gesprächspartner sind, bleibe für den Kreml nur der militärische Weg.
„Mit uns… will man nicht reden, weil wir ja die stärksten Unterstützer der Ukraine sind.“ – Lambsdorff [00:01 / 52:22]
Putin bleibt auf Kriegskurs: Das Regime sieht das militärische Vorgehen als einzige bewährte Option – trotz innerer und äußerer Probleme.
„Man lernt die Luft der Freiheit auf eine Art und Weise zu schätzen, wie man das vielleicht vorher nicht erwartet hat.“ – Lambsdorff [01:55]
Beginn der Botschafterzeit und Begegnung mit Putin: Lambsdorff beschreibt den protokollarischen Charakter des Treffens mit Putin, dessen präsidiales Auftreten und die langfristige Wartezeit auf seine Präsenz im Kreml.
„Putin hat eine Angewohnheit, die sehr präsidial vielleicht ist. Er kommt grundsätzlich Stunden zu spät.“ – Lambsdorff [03:44]
Reduzierte diplomatische Kontakte: Wegen der russischen Restriktionen schrumpfte die Zahl deutscher Diplomaten, zahlreiche Konsulate mussten schließen. Die Gesprächsqualität mit russischen Kontakten blieb für Analysen und Berichterstattung entscheidend.
Alltag unter staatlicher Überwachung: Ständige elektronische Überwachung durch Kameras, Gesichtserkennung und persönliche Observation durch den FSB gehörten zur Normalität für das deutsche Botschaftsteam.
„In Moskau wohnen 16 17 Millionen Menschen ... Das zu verteidigen mit Luftverteidigungsmitteln, das ist wahnsinnig schwierig.“ – Lambsdorff [43:00]
Differenzierte Kontakte: Gespräche mit Regimenahen fanden fast ausschließlich mit solchen statt, die internationale Kontakte gewohnt waren – aus Sorge vor Repression. Besonders augenöffnend war die Wandlung eines früher aufgeschlossenen Experten zu einem Hardliner für den Krieg.
„Jemand, der von einem verständnisvollen, in westlichen Kategorien denkenden Mann zu einem absoluten Hardliner wurde, das war das Überraschendste.“ – Lambsdorff [16:55]
Konfrontative, dennoch notwendige Gespräche: Die Kunst bestand darin, Klartext zur russischen Aggression zu sprechen, ohne den Faden für weitere Informationen abreißen zu lassen.
Widersprüchliche Narrative: Die russische Propaganda sei völlig inkohärent; Deutschland wird abwechselnd als gefährliche Militärmacht oder als gescheiterter Vasall der USA dargestellt – für die Propagandisten kein Problem, aber bemerkenswert für westliche Beobachter.
„Das Bemerkenswerteste an der russischen Propaganda ist, dass ihr Kohärenz ... völlig egal ist.“ – Lambsdorff [24:24]
Abschottung der Informationskanäle: Die russischen Behörden schotten den Informationsraum durch Internet-Sperren, VPN-Blockierung, Begrenzung auf staatliche Medien weiter ab. Gerade in Moskau erzeugte etwa die Abstellung des mobilen Internets Ärger und Unmut.
Gefühl permanenter Überwachung: Nicht nur ein Gefühl, sondern offensichtliche Observation durch Sicherheitspersonal und elektronische Mittel war Alltag. Ein Beispiel: Ton- und Videoaufnahmen durch den FSB bei Treffen mit Deutschlehrern in Nischnij Nowgorod.
„Man sieht die ja ... am Nebentisch saßen zwei extrem unauffällige junge Männer ... filmten uns das gesamte Gespräch“ – Lambsdorff [19:31]
Umgang mit russischer Propaganda – Provokationen vor dem Außenministerium: Der Umgang mit bestellten russischen „Journalisten“ bestand darin, keine Bilder für die Propaganda zu liefern und Provozierte ruhig durch das Botschaftsteam begleiten zu lassen.
Analyse und Übermittlung: Diplomaten sind "Antennen", die ein möglichst detailliertes, auch zwischen den Zeilen lesendes Bild übermitteln. Dazu gehören Lageberichte zur Politik, Wirtschaft, Kriegsführung, gesellschaftlicher Situation.
Reaktion auf kritische Ereignisse: Nach dem Tod Nawalnys schildert Lambsdorff die Atmosphäre kollektiver Hoffnungslosigkeit und den Mut Tausender bei dessen Beisetzung – als Zeichen marginaler, aber lebendiger Andersdenkender.
„Mit Nawalny starb für viele Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Rußen die Hoffnung.“ – Lambsdorff [34:31]
Kriegswirtschaft und Repression: Überraschend war die fortgesetzte (Kriegs-)Wachstumsdynamik der russischen Wirtschaft sowie der Impact innovativer ukrainischer Kriegsführung; damit kam der Krieg erstmals wahrnehmbar im Alltag Moskaus an.
Russlands Abkopplung und das Regime Putins: Seltene Hoffnungssignale stammen aus der kleinen, mutigen Schicht demokratisch Gesinnter – diese seien marginal, aber existent. Die systematische Unterdrückung weitet sich jedoch weiter aus, etwa gegen LGBT-Aktivisten und kleine Oppositionsparteien.
„Diese wahnsinnig mutigen Menschen ... machen Hoffnung.“ – Lambsdorff [64:35]
Putins Mission und Kriegsziele: Putin versteht sich in einer historischen Mission, den Krieg sieht er als notwendig – nationalen Interessen Russlands widerspricht der Krieg eigentlich, aus Putins Sicht ist mindestens die Eroberung des Donbass aber „unabdingbar“.
„Putin denkt aber anders ... Er wird das weitertreiben.“ – Lambsdorff [47:15 / 49:04]
Risiko einer weiteren Mobilisierung: Eine erneute Mobilisierungswelle nach den Duma-Wahlen sei technisch möglich und immer wahrscheinlicher, wobei die Steuerbarkeit durch Digitalisierung und schleichende Einführung entscheidend ist.
Erwartungen an Europa/Deutschland: Auch nach einem möglichen Kriegsende werde das Verhältnis dauerhaft angespannt bleiben – doch angespannte Beziehungen sind immer noch besser als akute Kriegsgefahr.
Rolle der Diplomatie zur Krisenvermeidung: Zentrale Aufgabe bleibt, durch Gespräche und Berichterstattung eine direkte Konfrontation zwischen Russland und der NATO zu verhindern.
„Natürlich. Also das ist vollkommen klar.“ – Lambsdorff [55:13]
Kontakte zur russischen Regierung: Nach Beginn des Angriffskriegs waren Kontakte mit Regierungsmitgliedern minimiert, einzig auf professioneller Ebene fanden noch Gespräche statt. Fünfmal wurde Lambsdorff ins Außenministerium einbestellt, meist um—aus russischer Sicht—Anschuldigungen oder Kritik loszuwerden.
Zur Rückkehr aus Russland:
„Man lernt die Luft der Freiheit … zu schätzen, wie man das vorher nicht erwartet hat.“ – Lambsdorff [01:55]
Zur russischen Propaganda:
„Kohärenz … völlig egal … Deutschland ist einmal Aggressor, einmal kaputt. Wird beides hintereinander rausgesendet.“ – Lambsdorff [24:24]
Zur Hoffnung der russischen Gesellschaft:
„Diese … mutigen Menschen, die sich für Menschenrechte einsetzen … die machen Hoffnung.“ – Lambsdorff [64:35]
Zur staatlichen Überwachung:
„Man lebt damit. Es ist nicht schön … Wenn man das nicht kann, darf man auch nicht hingehen.“ – Lambsdorff [21:49]
Zur Funktion der Diplomatie:
„Wir sind eine Antenne … wir müssen die Zeilen lesen und zwischen den Zeilen lesen.“ – Lambsdorff [31:16]
Diese Podcast-Episode gibt einen einzigartigen, persönlichen und analytisch geschärften Einblick in Putins Russland aus der Sicht eines langjährigen Diplomaten. Lambsdorff schildert nüchtern und mit Empathie für die wenigen Hoffnungsträger vor Ort, wie umfassend das Regime Putin das Land transformiert hat und wie wenig Raum für Verständigung aktuell besteht. Besonders eindrücklich sind die Berichte zur Propaganda, zur digitalen Überwachung und zu den engen Grenzen diplomatischen Wirkens – aber auch zu den kleinen, mutigen Zeichen einer anderen russischen Gesellschaft unter enormem Druck.