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Wie gehen Gesellschaft und Individuen mit Fragen zur Zukunftsbewältigung oder Schicksalsvorstellungen um? Das untersucht das Internationale Forschungskolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung „Schicksal, Freiheit und Prognose. Bewältigungsstrategien in Ost-Asien und Europa“ an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in transkontintentaler und transepochaler Perspektive.
Im Rahmen der Universitäts-Ringvorlesung im Wintersemester 2011/12 stellen die Direktoren des Forschungskollegs ihre bisher erzielten Forschungsergebnisse und wesentlichen Leitlinien der Arbeit des Kollegs vor. Außerdem treten sie in Dialog mit Gastreferenten anderer Fakultäten und Universitäten, die den Diskurs zu Fragestellungen der gesellschaftlichen Zukunftsgestaltung und -planung in Deutschland maßgeblich mitprägen.
Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.ikgf.uni-erlangen.de.

Alter Wein in neuen Schläuchen? Die mantischen Künste Chinas zwischen "Wissenschaft", "Aberglaube" und "Wahrheit"

Dass die Bewegungen der Sterne und Planeten in direkter Beziehung zukörperlichen Vorgängen und Befindlichkeiten stehen, ist heutebestenfalls als "Aberglauben" akzeptabel. Von der Antike über dasMittelalter, die Renaissance und bis weit in die frühe Neuzeit war die"Astromedizin", so das moderne Kunstwort für ein heilkundliches Konzept,außerordentlich wichtig und beliebt. In Theorie und Praxis verbandensich Astrologie/Astronomie und Medizin. Die Vorhersage zukünftigerEntwicklungen, eben auch im Sinne der medizinischen Prognostik, war dasgemeinsame Anliegen. Der Vortrag erörtert die Verbindung von Sternen-und Heilkunde unter theoretischen und praktischen Aspekten, darunter dieFragen des Ursprungs von Pest und Syphilis.

Der Vortrag analysiert die spezifische Logik der Divination, von der Annahme ausgehend, dass es sich um keine irrationale Form handelt, sondern um eine andere Rationalität als diejenige der modernen westlichen Gesellschaft. Die Divination setzt eine geordnete Welt voraus, regiert aus einer höheren Notwendigkeit heraus, die den Menschen wegen ihrer wesentlichen Beschränktheit unzugänglich ist. Divinatorische Techniken bieten Verfahren, um begrenzten Zugang zu dieser überlegenen Weisheit zu haben; sie ermöglichen unter anderem, (eingeschränkte und immer rätselhafte) Angaben über künftige Ereignisse zu gewinnen, die als bereits bestimmt betrachtet werden. Während die Divination einen Beobachter voraussetzt, der innerhalb der Welt ist, lokalisiert die moderne Rationalität den Beobachter außerhalb der Welt der Objekte und trennt die Untersuchung der subjektiven Faktoren klar von der Erforschung der objektiven Welt: in dieser Logik muss die Divination als Aberglaube und Unvernunft marginalisiert werden. In jüngster Zeit wird jedoch diese Trennung zwischen subjektiven und objektiven Faktoren in verschiedenen hoch technisierten Bereichen in Frage gestellt, wie z. B. auf den Finanzmärkten oder im Kontext des Internets, wo man dazu neigt,sich auf Mechanismen divinatorischer Art zu beziehen.

Prophetie wurde im mittelalterlichen lateinischen Westen als göttliche Eingebung verstanden, die auf eintretende Geschehnisse verweist und nicht nur das Künftige anzeigt, sondern auch einen verborgenen Sinn der Dinge erhellt. Diese weite Definition hat die Tradition im lateinischen Westen bestimmt. Viele prophetische Texte kündigen politische und kirchliche Ereignisse an und haben dabei eine Zukunfts- und Tiefendimension im Blick. Die zahlreichen Deutungen zur Geheimen Offenbarung, der Apokalypse, zeigen eine Verknüpfung von Endzeit und Geschichte. Im hohen Mittelalter besaßen viele Prophetien politische Aktualität, es verbreiteten sich Werke namentlich bekannter Autoren und Autorinnen wie Hildegard von Bingen oder Joachim von Fiore, die eine große Wirkmächtigkeit erlangten. Falsche Propheten lassen sich eher versteckt in der historiografischen Überlieferung oder in Prozessakten finden; als beispielhaft kann hier Johanna von Orléans gelten. Falsche - oder gefälschte - Prophetien konnten aber auch andere Funktionen übernehmen: Gute Prognosen zu produzieren "hebt die Stimmung" und schafft Unterstützung, zum Beispiel für einen Kreuzzug. Vor diesem Hintergrund konnten Prophetien des mittelalterlichen lateinischen Westens mitunter eine ähnliche Rolle spielen wie heute, wenn wir uns nur die zahlreichen Propheten anschauen, die in den Medien immer wieder nach ihren Blicken in die Zukunft gefragt werden. Dabei scheint heute noch unwichtiger, ob die Prophetie eintrifft - aber die politischen Aspekte sind dennoch bei genauerem Hinsehen erkennbar.

In den öffentlichen und wissenschaftlichen Technikdebatten der jüngeren Geschichte, ausgetragen vor allem im Medium der Technikzukünfte in Form von Visionen, Prognosen, Szenarien, kommt es immer wieder zu einer Dualität. Technisierungshoffnungen einerseits (z. B. im Hinblick auf die Überwindung von gesundheitlichen Defiziten oder auf eine nachhaltigere Technik) und Technisierungsbefürchtungen andererseits (wie z. B. Sorgen vor zunehmenden Kontrollmöglichkeiten, Instrumentalisierungen und Autonomieverlusten) prägen das Feld. Mit dem technischen Fortschritt werden weit reichende Hoffnungen, aber auch tief sitzende Befürchtungen verbunden, und zwar häufig beide simultan zu den gleichen technischen Entwicklungen wie z.B. der Nanotechnologie oder der Synthetischen Biologie. Im Vortrag werde ich beide Erzählungen vorstellen: (1) das „helle“ Bild des technischen Fortschritts als einer positiven Vorstellung vom Verlauf der Geschichte, in der die Verfügungsmacht des Menschen immer weiter vergrößert wird und zu seiner weitestgehenden Autonomie führt, und (2) das „dunkle“ Bild, nach dem der technische Fortschritt zwar einige positive Folgen, in der Summe aber hauptsächlich nicht intendierte Nebenfolgen, eine zunehmende Abhängigkeit des Menschen von der Technik und möglicherweise schließlich den vollständigen Kontrollverlust des Menschen über die Technik mit sich bringe. Als Beispiel, dass anhand der gleichen Technologien beiderlei Erzählungen verbreitet werden, dient das Feld der „technischen Verbesserung“ des Menschen (Human Enhancement). Die abschließende These ist, dass diese Technikdebatten in modernen Gesellschaften eine wichtige Funktion in der Selbstverständigung darüber haben, wohin sich die Gesellschaft entwickelt, wie die Verhältnisse von Mensch und Technik bzw. von Mensch und Natur gedacht werden, was in diesen Feldern für die Zukunft erwartet, gewünscht oder befürchtet wird. Technikdebatten haben damit einen primär hermeneutischen und nicht einen prognostischen Charakter.

Während in Europa und Amerika die „Fortschrittsidee“ im späten 19. und im 20. Jahrhundert zusehends in die Kritik geriet, finden in China höchst fortschrittsoptimistische Positionen zur gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und kulturellen Entwicklung des Landes bis zur Gegenwart weite Verbreitung. Fortschrittsoptimismus erweist sich dabei als ein prägendes Merkmal einflussreicher chinesischer Konzeptionen der modernen Welt. Im Vortrag wird zunächst die Beschäftigung mit westlichen Konzeptionen von Fortschritt und gesellschaftlicher Evolution, wie sie in China gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihren Ausgang nahm, im zeitgeschichtlichen Kontext beleuchtet. Davon ausgehend werden Grundzüge von Fortschrittsoptimismus identifiziert und in den Zusammenhang der Frage nach der Modernisierung des Landes, die im China des 20. Jahrhunderts allgegenwärtig war, gestellt. Der Vortrag schließt mit kritischen Überlegungen zu den Implikationen und Folgen von Fortschrittsoptimismus, wie sie sich aus gegenwärtigen chinesischen Konstellationen ergeben. Dabei wird insbesondere deren Rückwirkung auf die Wahrnehmung westlicher Moderne in China erörtert.