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Melanie Veit, Hiddensee, 7. Februar Melanie hatte es plötzlich eilig. Sie hatte am Anleger die Situation mit Li CiWen und Christine Thomas mitbekommen. Sie war sich sicher, dass das ganze Geplänkel an dem Pier und dann mit der Thomas dazu dienen sollte, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu erlangen. Melanie nahm ebenfalls die beiden militärisch aussehenden Männer wahr, die die Fähre verlassen hatten. Darum würde sie sich später kümmern müssen. Zuerst musste sie ein paar dringende Anrufe machen.Zuerst rief sie Papa an und bat ihn, so früh wie es die Situation zuließ, mit Bade in die Station zu kommen. Dann wählte sie die Nummer von Marie-Ann Chittenden. Trotz Wochenendes hatte sie sofort in der Leitung. Melanie fragte nach den Familienverhältnissen von Christine Thomas. Dann informierte sie sie über die neusten Ereignisse. Marie-Ann bedankte sich für die Kopie des Amtshilfeersuchens an die internationalen Institute bezüglich der Tatwaffe. Die Rechtsmedizin in Rostock hatte dies auf ihr Anraten nach Maidstone gesendet. So waren auch die Kenter über dieses makabre Kuriosum im Bilde. Marie-Ann versprach, noch vor dem Feierabend zurückzurufen. Sie hatte aufgelegt, da kam Treder herein. Er ging zu seinem Platz und erledigte die Formalitäten der Überführung von Reesch nach Rostock.Melanie musste noch mal die Staatsanwältin aus ihrem Wochenende holen. Sie brauchte einen Haftbefehl und einen nachträglichen Durchsuchungsbeschluss für das Zimmer der Thomas‘. Die beiden Schriftstücke würden gleich durch das Fax kommen. Die Staatsanwältin hatte ebenfalls Nachrichten für Melanie. Der inhaftierte Cheung blieb vorerst in Gewahrsam. Die chinesische Botschaft hatte den Pass für gefälscht erklärt. Melanie war verblüfft. Wenn dieser Pass wirklich gefälscht war, dann war er das Professionellste, was Passfälscher je zustande gebracht hatten. Sie hatte selbst die unzähligen Einreisestempel und Visa gesehen. Unmöglich, dass man damit durch so viele Kontrollen beanstandungslos hindurchglitt. Eine weitere Merkwürdigkeit, aber dafür war jetzt keine Zeit. Melanie lehnte sich zurück und durchdachte den ganzen Fall nochmals in aller Ruhe. Der erste Mord war geplant und hatte vermutlich einen gewissen Vorlauf an Vorbereitungen. Für Melanie war immer noch Cheung der Mörder. Irgendjemand, der ebenfalls ihrer Meinung war, zog hinter den Kulissen Fäden und verschaffte ihr die Zeit, die notwendig war, um die nötigen Beweise zu finden. Der zweite Mord war anders. Der Tatort bewies, dass es kurz vor der Tat zu einer Rangelei gekommen sein musste. Alles wirkte viel spontaner. Wahrscheinlich musste Reesch sterben, weil er zu dem ersten Mord was zu sagen wusste. „Ich werde das Problem lösen“, hatte er zu seiner Frau gesagt. Das ging gründlich schief. Sie war sich sicher, dass es zwei Mörder gab. Beide standen auf der gleichen Seite. Wer auf der anderen stand und was letztlich die Motive waren, konnte sie nur ahnen. Sie war auf die Aussagen von Christine Thomas gespannt. Sie hing gerade ihren Gedanken nach, da klappte die Tür zur Station. Ein Spurensicherer kam herein und brachte ihr eine Kiste alter Fotos. Er hatte die Bilder in einem Versteck in Arnim Reeschs Schankraum gefunden. Melanie schaute sich ein Bild nach dem anderen an. Bei der ersten Durchsicht konnte sie nichts Auffälliges entdecken. Die Bilder zeigten eine Party, vermutlich nach dem Krieg, in einem Stall. Trotz des damaligen Mangels sah die Tafel gut gedeckt aus. Paare tanzten im Vordergrund und Männer saßen an Tischen und tranken Bier. Auf einem Fuhrwerk vor der Scheune stand „Reeschs Gasthaus“. Eine ganz ordinäre Dorfparty – dachte Melanie. Dann sah sie im Hintergrund einen Gegenstand. Sie schwenkte die Tischlupenleuchte über das Foto und erkannte das Ding. Sie hatte es in den Unterlagen aus Kent schon einmal gesehen. Sie holte den Akt auf den Bildschirm und verglich beide Abbildungen miteinander. Kein Zweifel. Diese Dinger, im Akt Boshanlu genannt, waren identisch. Eine Delle, die irgendwann mal unabsichtlich dem Stück zugefügt worden sein musste, verriet es. Melanie schluckte, als sie den Auktionspreis sah: 45.000 Pfund!Nicht schlecht, es wurde schon für weniger gemordet. Doch der Bericht von Marie-Ann verwirrte sie. Das Boshanlu war nachweislich schon seit langer Zeit im Besitz des Veräußerers. Arnim Reesch war noch nicht geboren, als es nach England wanderte. Sie konnte nur raten, wie es dahin gelangt war. Irgendwie war das Gefäß in die Hände der Reeschs gelangt. Ob redlich oder nicht, sei mal dahingestellt. Nach dem Krieg hatte es seinen Weg auf den schwarzen Markt gefunden. Wie das Bild vermuten ließ, war es nicht das einzige Stück, das die alten Reeschs verhökerten. Mit Lebensmittelmarken konnte man keinen Tisch so üppig decken. Wahrscheinlich kannte Arnim Reesch die Quelle der Gegenstände und überlegte, ob da mehr zu holen sei. Vielleicht wollte er aus seinem Kneiperdasein entfliehen? Dass er ausgerechnet den Triaden sein Wissen verkaufen wollte, war reines Pech. Melanies Blut wurde von Adrenalin überschwemmt. Ihr Hirn setzte zum Höhenflug an. Sie spekulierte weiter. Arnim Reesch hatte Reginald Thomas kontaktiert. Und der, und hier begab sie sich auf dünnes Eis, wollte das Geschäft alleine machen, ohne die Triaden. Das war ihm nicht gelungen. Die hetzten ihm Cheung hinterher und der exekutierte den Willen der Drei Harmonien. Die Tür klapperte wieder. Diesmal kamen Bade, Papa und die Spurensicherer aus der Pension Hinrichs herein. Alle grinsten breit. Sie kamen zu Melanie und offenbarten ihr den Inhalt eines schwarzen Samtsäckchens. Jetzt grinste auch Melanie. Sie hatten endlich das Tatwerkzeug. Und das Grinsen wurde breiter, als der Kollege erwähnte, dass er sich sicher sei, Spuren festgestellt zu haben. Die Leute bauten ihr mobiles Labor in einem extra dafür vorgesehenen Raum auf. Nach einer Weile hob der Techniker den Daumen. „Ich habe ein langes schwarzes Haar in dem Säckchen gefunden, das muss zur Genanalyse. Hier geht das nicht. Nur soviel, das Haar hat einen runden Querschnitt. Das weist auf einen asiatischen Typus hin und die Länge auf eine Frau. Außerdem fanden wir Fingerabdrücke. Das Tatwerkzeug wurde äußerlich gründlich gereinigt. Allerdings hat man die Druckluftpatrone im Innern und die Patronenkammer selbst vergessen. In der Kammer sind ein paar unvollständige Abdrücke. Dafür haben wir auf der Druckluftpatrone einen bilderbuchmäßigen Daumenabdruck. Wir werden den ins System übertragen und dann müssen wir ein Weilchen warten.“Vor der verabredeten Zeit rief Marie-Ann an. Melanie hörte sich den Bericht der Polizistin aufmerksam an.„So weit“, sagte Marie-Ann Chittenden. „Ich sende Dir die Informationen jetzt per E-Mail. Ich hoffe, es reicht, um den Sack zuzumachen. Alles Gute und vielleicht sieht man sich ja mal auf dieser Insel.“ Melanie war zufrieden. Sie hatte alles, was sie für das Verhör mit Christine Thomas brauchte.Treder und Melanie gingen in einen Raum, der provisorisch für Befragungen eingerichtet war. Papa brachte Christine Thomas herein und stellte sich dann an die Tür. Auf dem Tisch stand ein Zoom H4 mit zwei Mikrofonen und eine Videokamera zeichnete das zugehörige Bild auf. „Guten Tag, Frau Thomas. Sie wissen sicher, warum Sie hier sin...

Li CiWen, Hiddensee, 7. Februar Maren und Charlotte hatten Li am Abend nach ihrer Rückkehr aus Rostock von der Pension aus angerufen und die freudige Nachricht überbracht, dass die Fähren am nächsten Tag wieder fahren würden. Außerdem schilderte ihm Charlotte detailliert, wie die Gegenüberstellung gelaufen war. Er konnte sich gut in die Kriminalhauptkommissarin hineinversetzen. Nach Jahren in der organisierten Kriminalität hatte er oft genug erlebt, dass man die Schuldigen nicht zu fassen bekam. Zumal Cheung nur ein kleiner Fisch, eine empathiefreie Drohne, ein Auftragskiller war. Die Drahtzieher hatten Lim Tok und er auf Lamma gesehen. An die würden sie, sobald nicht herankommen. Jedoch konnte man gehörig Sand ins Getriebe kippen. Li CiWen wollte Cheung nicht davonkommen lassen. Er rief seinen Kontaktmann in der Botschaft an und erklärte ihm die Situation. Die hatten Mittel und Wege, den Aufenthalt des Mafiosos zu verlängern. Außerdem grasten die Engländer ihre Datenbanken nach Cheung ab. Selbst wenn sie ihn am Ende nicht verurteilen konnten, für die Drei Harmonien war er verbrannt. Sein nächster Anruf galt dem Freund der Familie. Fabian Meyerfeld konnte endlich ein wenig Klarheit in die Boshanlu-Sache bringen. Es gab nach dem Krieg den Verdacht, dass die alten Reeschs, beim Versuch zu Hamstern sich an dem Eigentum der Hinrichs vergriffen hatten. Möglicherweise hatten sie das Teil auf dem schwarzen Markt verkauft und so ist es dann nach England gelangt. Wie die Thomas‘ das Boshanlu zur Insel zurückverfolgen konnten, blieb ein Rätsel. Vielleicht war es aber auch genau andersherum und Arnim Reesch hatte die Thomas‘ auf sich gebracht. Auf jeden Fall bestanden Chancen, dass die Hinrichs gänzlich aus dem Fall heraus blieben. Außerdem ergab die Überwachung von Christine Thomas im Moment keinen Hinweis darauf, dass sie Informationen weitergeben konnte. Die Insellage spielte ihnen in die Hände.Li CiWen beschloss, den letzten Tag in Rostock ein wenig zu genießen. Er bummelte zu den Orten, von denen ihm sein Großvater erzählt hatte und die indirekt seine Geschichte geschrieben hatten. Die Lagerstraße lag unter einer dicken Schneedecke. Anstelle der alten Weingroßhandlung stand ein schmuckloses Gebäude mit einer großen Toreinfahrt. Er ging weiter hinunter Zum Strande und blickte über die Warnow nach Gehlsdorf. Großvater hatte ihm erzählt, dass Lisas Eltern da drüben wohnten und sie letztlich im Streit auseinandergingen. Hier irgendwo lag auch der Schoner Otto Artel, der Hans und Lisa in das größte Abenteuer ihres Lebens mitnahm. Li CiWen fragte sich, wie er sich entschieden hätte. Ja, heute war das alles kein Problem mehr – theoretisch zumindest. Aber vor hundert Jahren? Ihm wurde bewusst, dass Hans und Lisa nicht nur gute Menschen mit einem großen Herz waren, sondern auch besonders mutig. Er ging ein Weilchen die Strandstraße entlang und wandte sich dann zum Neuen Markt. Es war Freitag Abend. Mit etwas Glück konnte er in der Ratsapotheke noch Halspastillen, Lippenbalsam, Sonnencreme und was man sonst auf der Insel brauchte, kaufen. Großvater erzählte, dass sie sich dort wie Trockenfisch vorkamen. Seine junge Frau kämpfte tapfer für ihren weißen Teint. Verlor am Ende jedoch, da kein Sonnenschirm dem Wind standhielt und die Sonne sowieso von überallher reflektiert wurde. „Keine Insel für chinesische Frauen“, sagte der alte Li Li. Damals kaufte Hans mehrere Kilos von Gädeckes Kokain, Erythroxylin genannt, in der Ratsapotheke. Auch sein Großvater hatte von dieser Charge gekostet, als ihm ein vereiterter Backenzahn extrahiert werden musste. Verrückt, dachte Li CiWen, wie viele Kreise sich hier schlossen. Li CiWen brach früh auf. Das grauenhafte Wetter der letzten Tage war endlich vorbei. Die erste Fähre sollte um zehn Uhr von Schaprode abfahren. Er fuhr der Sonne entgegen. Bald würde er Maren wiedersehen. Leider zog sich der Fall immer weiter hin. Der Kommissarin fehlten handfeste Beweise. Er hatte so ein paar Ideen, wie er den Prozess beschleunigen konnte. Sein Telefon klingelte.„Wei?“, hörte er Maren am anderen Ende.„Guten Morgen Maren! Was gibt es?“„Nichts Gutes. Es gibt einen zweiten Toten. Arnim Reesch ist tot. Er ist auf die gleiche Weise ums Leben gekommen, wie auch Reginald Thomas.“„Verdammt!“, sagte Li CiWen. „Ich habe sowas beinahe kommen sehen. Habt ihr gemacht, um was ich euch gebeten habe?“„Ja, ich erzähl dir alles, wenn du hier bist. Nicht am Telefon. Nur soviel, du hattest recht.“„Alles klar. Ich bin schon auf Rügen und werde gleich in Schaprode ankommen. Bis gleich, mein Schatz.“In dem Moment, wo er das Gespräch beendet hatte, fuhr er auf den großen Schaproder Fährparkplatz. Die Fähre lag schon an dem Pier. Es warteten sehr viele Menschen darauf, auf die Fähre gehen zu können. Li CiWen holte sich ein Ticket. Meine Güte, dachte er, so viele Menschen wollen auf diese Insel und noch dazu im Februar. Er war gespannt, was ihn da drüben erwartete.An Bord ging er die Treppe hoch ins Restaurant, setzte sich an ein Fenster und schaute interessiert zum Kai hinüber. Er bestellte das Sonderangebot: 1 Pott Kaffee + 1 Bockwurst mit Brötchen für 2.90 Euro. Etwas aus der Zeit gefallen, dachte er bei sich, aber schön. Die Sonne fiel flach in den Gastraum und ließ den durch die Touristen aufgewirbelten Staub flimmern. Alle Farben glitten in leuchtendes Sepia hinüber. Die Stühle mit den königsblauen und purpurroten Bezügen verwandelten die Kantine in einen Warteraum für Könige. Li CiWen beobachtete die Ankömmlinge. Er kannte sich ein wenig mit deutschen Dialekten aus. Neben denen ohne Dialekt waren die meisten Besucher Sachsen, gefolgt von Berlinern. Doch er hörte auch den breiten hessischen Dialekt, säuselndes schwäbisch und eine fränkische Reisegruppe aus Nürnberg, wie man dem Gruppenfähnchen entnehmen konnte. Das war nichts im Vergleich zum chinesischen Massentourismus, aber die Richtung war schon mal eingeschlagen. Zur Hochsaison würde er nicht auf die Insel fahren wollen.Unter all den Sprachen und Dialekten hörte er auch ein akzentuiertes Englisch. Er blickte sich nach der Quelle um und entdeckte zwei Männer in den Enddreißigern – durchtrainiert, hochgewachsen, Bürstenschnitt. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn die nicht aus Lim Toks altem Verein stammten, dachte Li CiWen. Die beiden holten sich eine Cola und kamen dann zielsicher auf ihn zu und fragten, ob an seinem Tisch noch alles frei wäre. Lächelnd wies er auf die freien Plätze. Immerhin versuchten sie, wenn auch mit wenig Talent, Touristen zu spielen. Sie fragten ihn, ob er ein Hotel empfehlen könne, wie oft er schon auf der Insel war, woher er denn komme und vieles mehr. Li CiWen ging auf den Small Talk ein und erzählte in einem brüchigen Englisch, dass er beruflich hier sei, er arbeite in der Tourismusbranche, Hotels kenne er keine, wäre auch sein erstes Mal und dass er aus Xiamen komme, welches die Engländer als Amoy kennen. Er kannte sich in englischen Dialekten nicht so gut aus und war froh, wenn er per Zufall Schotten, Iren, Waliser und Londoner auseinanderhielt, doch er beschloss, einen Schuss ins Blaue zu wagen. „Ihrem Dialekt entnehme ich, dass Sie aus Kent stammen. Sind Sie aus Canterbury? Oder Maidstone?“, schob er hinterher. „Ich war mal dort, bei einer Bekannten. Oh Mann, was haben wir für Mengen Apfel-Cidre getrunken. Ich konnte mehrere Tage nicht aus dem Haus.“Er sah den beiden an, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Das war das Problem mit diesen Engländern:...

Melanie Veit, Hiddensee, 7. Februar Melanie fuhr auf. An der Tür klopfte jemand energisch. Gleichzeitig wimmerte ihr Handy. Sie schaute auf die Uhr – zehn nach sieben. Sind hier alle verrückt geworden oder was sollte dieser Terror mitten in der Nacht? Sie hatte noch eine dreiviertel Stunde bis zum Termin. Ihr reichte das völlig. Sie nahm das Telefon ab und zog sich einen Bademantel über, um die Tür zu öffnen. Papa war am Telefon.„Sie haben aber einen tiefen Schlaf! Ich versuch schon eine ganze Weile, sie wachzuklingeln. Vor der Tür steht übrigens Bade. Wir haben ein Problem. Es gibt einen weiteren Toten. Diesmal in der Dünenheide. Bade wird Sie herbringen. Ach so, habe ich vergessen zu sagen: Es ist Reesch.“Melanie machte geistesabwesend die Tür auf. Bade stand ungeduldig davor. „Eine Minute“, sagte sie und schloss die Tür wieder. Sie warf sich etwas Wasser ins Gesicht und putzte, während sie sich anzog, die Zähne. Dann zog sie eine Mütze über das ungekämmte Haar und trat vor die Tür. Bade hatte geistesgegenwärtig an der Rezeption um eine Thermoskanne Kaffee gebeten. Er goss einen Becher für Melanie ein. Dann versorgte er sie mit den bislang bekannten Fakten.Der Tote wurde circa sechs Uhr dreißig von einem Jogger gefunden, der mit seinem Hund unterwegs war. Er hatte in der Station angerufen, worauf das Gespräch an Bade weitergeleitet wurde. Bade hatte dann Papa informiert und ein paar Minuten später waren sie am Fundort. Dann war Bade wieder los, um Treder und Melanie einzusammeln. Der Doktor war mit seinem eigenen Wagen zum Fundort gekommen. Parallel wurde die Spurensicherung verständigt. Die würde gleich mit dem Hubschrauber kommen. Auffällig war, dass der Fundort keine fünf Fußminuten vom ersten Tatort entfernt war.„Wie kann man in stockdunkler Nacht um sechs durch die Heide joggen?“, fragte Melanie Bade.„Na ja, wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, haben wir klaren Himmel, beinahe Vollmond und viel weißen Schnee. Zu der Zeit stand der Mond noch ziemlich hoch. Außerdem hatte der Mann eine Stirnlampe auf dem Kopf. Sooo dunkel war das gar nicht.“Erst nach dieser Bemerkung fiel Melanie auf, dass das schlechte Wetter aufgegeben hatte. Ihnen stand ein schöner Sonnenaufgang in der Heide bevor. Mit etwas Glück würde der ganze Tag in strahlendes Sonnenlicht getaucht sein. Mit dem Mord an Reesch wurde ihre Chinesentheorie deutlich schwächer. Beim Verhör in Rostock war sie sich hundertprozentig sicher gewesen, dem Mörder gegenüberzusitzen. Ja, sie hatte sich schon manches Mal geirrt. Das kam immer wieder vor. Doch in jenen Fällen war sie sich niemals so sicher. Es musste zwei Täter geben. Sie hoffte inständig, dass die Todesursache eine andere gewesen war.Papa hatte den Fundort mit Flatterband abgesperrt. Gerade war er dabei, den Pavillon über der Leiche aufzustellen. Nach Sonnenaufgang mussten sie mit Schaulustigen rechnen. Das Wetter würde die Leute magisch in die Heide locken. Treder hatte ohne Aufforderung damit begonnen, die Umgebung nach Spuren abzusuchen. Dr. Neumann hockte bereits neben der Leiche und machte seine Untersuchungen. Melanie ging zu ihm, nachdem sie Papa begrüßt hatte und ihm die Thermoskanne übergab.„Guten Morgen Doc. Danke, dass Sie so schnell zur Stelle waren. Haben Sie schon was für mich?“„Moin. Der Mann ist keine drei Stunden tot. Mutmaßlicher Todeszeitpunkt ist zwischen vier Uhr dreißig und fünf Uhr dreißig. Die Totenstarre hat temperaturbedingt noch nicht eingesetzt. Todesursache scheint mir die gleiche wie beim letzten Mal zu sein. Doch ich wiederhole mich jetzt mal. Ich bin Inselarzt und kein Rechtsmediziner. Sie sollten deren Einschätzung abwarten.“„Die gleiche Todesursache?“ Melanie sah ihre Felle davonschwimmen. „Bitte schauen Sie sich mal genau die Kopfhaut an, ob Sie dort was Ungewöhnliches entdecken.“Der Arzt schaute sie interessiert an. Da sie nichts hinzufügte, machte er sich an die Arbeit und untersuchte mit einem Kamm die Kopfhaut.„Sie haben recht, da ist was. So was habe ich noch nie gesehen. Das ist wirklich kurios. Woher wussten Sie …?“Melanie winkte ab. „Fragen Sie nicht.“ Auch noch die gleiche Tatwaffe. Cheungs Anwalt wird ihren Verdacht zerpflücken und ihn aus dem Gefängnis holen. Devisenschmuggel und Waffenbesitz klangen gut, aber im konkreten Fall würden dem Richter keine anderen Optionen bleiben. Die paar Euro und das Pfefferspray nebst Schlagring rechtfertigte keine Untersuchungshaft. Ihr rannte die Zeit davon. In der Ferne hörte die das Wummern eines Hubschraubers. Sowie die Spusi am Tatort auftauchte, würde sie mit Treder ins Onkel Hendricks fahren und die Wohnung nebst Kneipe genau untersuchen. Außerdem musste sie eine Todesnachricht überbringen. Sie schickte Bade los, die Leute vom Landeplatz abzuholen, der sich direkt gegenüber der Station befand. Er würde mehrmals fahren müssen. Nachdem Bade die erste Fuhre Spurensicherer abgeladen hatte, fuhr sie mit zur Station. Dann fuhr Bade die letzten drei Kollegen zum Fundort. Treder übernahm dort den Wagen und holte Melanie von der Station ab. Gemeinsam fuhren sie nach Kloster ins Onkel Hendricks. Bade hatte ihnen bestätigt, dass die Reeschs im gleichen Haus wohnten.„Hallo, Frau Reesch“, begann Melanie.„Hallo? Ihr Kollege sagte doch gestern, wir sollen um acht Uhr zu Ihnen kommen. Ich wollte gerade los. Ich kann meinen Mann nicht finden. Wahrscheinlich ist er schon los. Was gibt es? Reden Sie doch!“ Die Frau spürte offensichtlich, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.„Frau Reesch, wir haben eine traurige Nachricht. Können wir bitte reinkommen?“, unterbrach Treder die Reesch. Dann übermittelte er die traurige Nachricht.Die Frau sackte in sich zusammen und nahm die beiden kaum noch wahr. Melanie wollte dennoch versuchen, so viel wie möglich über die letzten Stunden von Arnim Reesch in Erfahrung zu bringen. Sie taste sich langsam vor. „Soll ich Ihnen einen Tee oder Kaffee machen?“, fragte Melanie.„Einen Tee, bitte mit Milch und Zucker.“Melanie ging in die Küche und nach ein wenig Suchen, fand sie, was sie brauchte. Sie goss sich ebenfalls einen Tee ein. Der Kandis knackte in dem Glas. Sie setzte sich der Frau gegenüber.„Frau Reesch, trinken Sie. Ich werde Ihnen jetzt ein paar Fragen stellen. Vielleicht können Sie uns damit helfen, den Mörder ihres Mannes so schnell wie möglich zu finden.“Sie schaute die Frau an, war sich aber nicht sicher, ob die Melanie überhaupt gehört hatte.„Warum haben Sie die Abwesenheit ihres Mannes nicht bemerkt?“„Er schnarcht und kommt oft spät aus der Wirtschaft nach oben. Da erschienen uns getrennte Schlafzimmer angebracht.“„Mein Kollege hat Ihnen gestern die Vorladung zugestellt. Hat Ihr Mann irgendwas dazu gesagt oder etwas unternommen?“„Ich weiß nicht. Er sagte, dass er das Problem lösen werde. Aber er hat nicht gesagt, um was es überhaupt geht.“„Okay, das kann ich Ihnen erklären. Der ermordete Reginald Thomas hat ihren Mann mehrfach aus England angerufen – über eine lange Zeit. Uns gegenüber hat er jedoch den Eindruck zu erwecken versucht, dass er mit den Thomas‘ noch nie was zu tun hatte. Wissen Sie etwas über die Thomas‘?“„Nein, gar nichts. Ich war an dem Abend, als die beiden hier waren, nicht in der Schankstube. Ich war bei ein...

Melanie Veit, Rostock, 6. Februar 2004Die Gegenüberstellung sollte gleich nach der Mittagspause in der Polizeiinspektion in der Ulmenstraße stattfinden. Melanie versuchte, die Zeit zu dehnen. Es gab eine Zeit, da hieß die Ulmenstraße noch Fiete-Schulze-Straße. Damals wurde sie der Adresse zugeführt, wie das im DDR-Jargon hieß. Ihr Vergehen: ein kleiner Aufnäher auf ihrem Shell-Parka mit einem Bibelspruch aus Micha 4. Wenige Jahre später war sie wieder dort und stellte auf dem Volkspolizeikreisamt, wie sich das Ungetüm seinerzeit nannte, ihren Ausreiseantrag. Ein gilbes A5-Kärtchen, auf dem man im Feld Ausreise einmalig ankreuzen musste. Als sie den Antrag abgab, hatte sie mit ihrem Heimatland abgeschlossen. Es war ein gedämpfter Triumph. Euphorie wollte sich nicht einstellen – nicht zu diesem Preis. Als sie das Gebäude verließ, zitierte sie halblaut Walter Kempowski: „Nie wieder, das schwor man sich, nie wieder würde man zurückgehen.“ Dass sie einmal als Kollegin zurückkehren würde, hätte sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Einfach war die Rückkehr nicht. Jedes Mal, wenn sie sich der Inspektion näherte, packte sie das gleiche Grauen, wie einst, als sie im Hof bei nächtlichem Novembernebel durch die Transportpolizei von der Ladefläche eines W50 abgeladen wurde. Wenn sie einen dienstlichen Termin in der Ulmenstraße hatte, dann brauchte sie einen mentalen Anlauf. Vorher strich sie stundenlang durch Rostock, um die notwendige Kraft zu sammeln. So war es auch dieses Mal. Das war nicht der Blues, der ihr gelegentlich sogar willkommen war, das war eine handfeste Störung, die sie in den Griff bekommen musste. Sie würde mit Charlotte erst in letzter Minute in der Inspektion auftauchen. Vorher brauchte sie einen Augenblick für sich allein. Am alten Hafen spazieren gehen, schien ihr die geeignete Meditation, auch wenn das Wetter grässlich war. Charlotte war das recht. Sie wollte Mutter und Großmutter in der Uniklinik besuchen.Charlotte wartete bereits auf sie.„Stehen Sie hier schon länger?“, fragte Melanie.„Ja, einen Augenblick. Mir ist etwas eingefallen, was für die Gegenüberstellung wichtig sein könnte. Auch wenn wir nicht direkt darüber gesprochen haben, so gibt es doch die Möglichkeit, dass es sich hier um eine Triadengeschichte handeln könnte – oder?“„Ja, wir ermitteln in alle Richtungen“, erwiderte Melanie zurückhaltend.„Wie auch immer.“ Charlotte grinste. „Die Drei Harmonien haben eine ausgeklügelte Hierarchie und Arbeitsteilung. Das Grobe ist bestimmten Leuten überlassen. Normalerweise sehen sie einem Menschen nicht an, ob er ein Verbrecher ist oder nicht. Bei diesen Drohnen ist das anders. Die verewigen ihre Taten als Tattoos auf ihrer Haut. Codiert natürlich und auch nicht gerichtsverwertbar ohne konkrete Beweise, aber das Geständnis ist praktisch da. Ich bezweifle zwar, dass der jetzt schon ein entsprechendes Studio für seine neuste Trophäe gefunden hat … darauf will ich auch gar nicht hinaus. Was ich sagen will, wenn sie die Leute reinführen, sollte jegliches Tattoo abgedeckt sein, ansonsten haut ihnen das dessen Verteidiger alsbald um die Ohren. Vorverurteilung und so … wissen schon.“„Danke für den Hinweis“, sagte Melanie. „Ich werde das umgehend klären. Lassen Sie uns erst mal einchecken in diese unheiligen Hallen.“Sie passierten das übliche Sicherheitsprozedere in erfreulich kurzer Zeit. Hinter der Kontrolle erwartete sie ein Kollege, der sie zur Gegenüberstellung bringen sollte.„Bevor wir weitermachen, habe ich noch ein paar Extrawünsche“, erklärte Melanie dem Kollegen. Sie wiederholte im wesentlichen Charlottes Worte.„Alles klar, verstanden“, sagte der Polizist. „Ich geh schnell zu dem Verantwortlichen und sage Bescheid. Bitte warten Sie hier im Konferenzraum. Bin gleich wieder zurück.“Sie gingen in den Konferenzraum, der erfreulicherweise mit Espressomaschine und Kühlschrank ausgestattet war. Nicht schlecht, dachte Melanie. Wenn das die Genossen aus der Fiete-Schulze-Straße wüssten. Aber wahrscheinlich arbeiteten noch genug von denen hier. Besser nicht daran denken, ermahnte sie sich. „Na schön, dann haben wir eben noch ein bisschen Zeit“, sagte Melanie und bearbeitete die Kaffeemaschine. Die verschiedenen Optionen und kryptischen Symbole auf der Maschine überforderten sie. Hilfesuchend blickte sie sich zu Charlotte um. Die übernahm und wenig später standen ein Cappuccino und ein Americano vor ihnen.„Ich nehme an, Sie halten nichts von Filterkaffee und trinken, wie meine Mutter, am liebsten türkisch – richtig?“„Jup, korrekt! Ich hab‘s mit verschiedenen Kaffeemaschinen versucht. Spätestens wenn die erste Packung Filtertüten alle ist, falle ich in die Barbarei zurück. Ich erkläre mir das so, dass türkischer Kaffee einfach besser schmeckt als dieses Filterzeugs. In letzter Zeit bin ich sogar dazu übergegangen, meinen Kaffee, mit einer alten hölzernen Handmühle zu mahlen. Ersetzt außerdem ein paar Minuten Hanteltraining.“„Wenn alle so denken, dann würden die Kaffeeautomatenhersteller und deren ungeheures Heer an Vertretern Armutsmärsche in Berlin organisieren“, frotzelte Charlotte.„Was können Sie mir noch so über die Triaden erzählen?“, fragte Melanie unvermittelt.„Na ja, ich weiß nicht wirklich mehr, als man so liest. Wahrscheinlich ist das weniger, als in Ihren Polizeihandbüchern. Eins wäre vielleicht noch interessant, soweit ich weiß, werden ausschließlich Chinesen Triadenmitglieder. Wobei Chinese ein weiter Begriff ist. Das kann auch ein Kalifornier in der x-ten Generation sein, dessen Vorfahren die amerikanische Eisenbahn gebaut haben. Hier zählen eher die Ethnie, die traditionelle Verankerung und die Sprachkenntnis. Umgekehrt ist einem Weißen oder Schwarzen, dessen Vorfahren schon seit den Qing in China leben, der Zugang verwehrt. Selbst wenn der Chinesisch wie seine Muttersprache spricht und zu jedem chinesischen Feiertag in den Tempel zuckelt. Dazu kommt, dass die Triaden ihre Drecksarbeit nicht outsourcen. Triadenverbrechen sind immer original chinesisch. Ist quasi deren Markenkern.“„Mmhh, Sie meinen, wenn es sicher ist, dass es sich um die Triaden als Täter handelt, dann können wir alle anderen nicht-chinesischen Verdächtigen entlasten?“, fragte Melanie.„Ja, ich denk schon – zu 99% waren es die nicht. Was ja nicht heißt, dass in deren Dunstkreis nicht noch jemand ein eigenes Süppchen kocht.“Melanie überlegte, ob Charlotte damit von ihrer Familie ablenken wollte. Sie beschloss, direkt auf das Ziel zuzusteuern.„Sie müssen zugeben, dass es schon eine erstaunliche Häufung an Chinesischem – Sie eingeschlossen – in diesem Fall gibt.“Charlotte erkannte, dass es nun nicht mehr um den Austausch von Informationen ging, sondern, dass Melanie sie indirekt verdächtigte.Sie antwortete: „Wenn Sie den Anteil der Weltbevölkerung durch die Chinesen teilen, die weltweit leben, dann ist es ganz klar sehr viel wahrscheinlicher, dass der Täter eher etwas mit China, als mit Patagonien zu tun hat. Aber im Ernst glauben Sie mir bitte, die Hinrichs morden nicht!“Melanie hatte einen Sinn, der Lüge von Wahrheit zuverlässig trennen konnte. Sie glaubte Charlotte. Dennoch nahm sie auch wahr, dass ihre Beteuerung zu überspezifisch war. Sie sagte nicht, dass sie mit der ganzen Sache nichts zu tun hatten, sondern eben nur mit dem Mord nicht. Melanie sah Charlotte direkt in die Augen und erkannte, dass auch sie sehr genau wusste, was sie gesagt hatte. Das war fast ein Flehen wie: „Verfolg diese Hinrichs-Spur nicht weiter!“Laut sagte Charlotte: „Ich werde Ihnen bei der Mörderjagd helfen, wenn Sie es wollen.“In diesem Moment kam der Polizist zurück und bat sie zur Gegenüberstellung.Melanie war beeindruckt. Die Kollegen hatten nicht nur sechs auch in der Statur ähnlich aussehende Asiaten gefunden. Zusätzlich waren sie in dunkle Mäntel gekleidet. Ganz so, wie ihn, nach Beschreibung von Charlotte, der Chinese auf Hiddensee getragen hatte. Um dem Ganzen, im wahrsten Sinne des Wortes, die Krone aufzusetzen, trugen alle schwarze Wollmützen. Melanie hoffte, dass die Kollegen genau wussten, wer der Verhaftete war und wer Statist. Wenn sie kurz die Augen schloss, und versuchte, sich spezifische Merkmale vorzustellen, musste sie sich eingestehen, dass ihr das praktisch unmöglich war. Sie kannte das Foto der Dienststelle und die Phantomzeichnung des Verdächtigen, sah sich aber außerstande, den sicher in dieser Gruppe zu identifizieren. Das waren keine eineiigen Zwillinge, aber Melanie würde auf ihre eigene Zeugenaussage keinen Pfifferling geben. Sie hatten es Charlotte nicht e...

Li CiWen, Rostock, 4. Februar 2004 Lis Telefon klingelte. „Der Engländer ist tot“, sagte Maren aufgeregt.Li war irritiert. „Was ist los? Wie ist das geschehen? Woher weißt du das? Wer war das?“, sprudelte es aus ihm heraus.„Ich habe keine Ahnung, was da los ist“, antwortete Maren. „Charlotte rief mich eben an und erzählte, dass ein Toter am Ostseestrand gefunden wurde. Die Polizei war schon in der Pension.“Das war schlecht, dachte Li. Es würde schwierig werden, weiter unter dem Radar zu ermitteln, wenn das Objekt der Begierde von der deutschen Polizei seziert wurde. Seine größte Sorge war, dass er so gänzlich ahnungslos war, was den Wissensstand der Thomas betraf. Und nun tauchte – mit großer Wahrscheinlichkeit – eine dritte Partei auf. Es müsste schon ein gewaltiger Zufall sein, wenn es nicht auch der um den Schatz gehen würde. Als er Maren vor ein paar Tagen das erste mal traf, war ihm sofort klar, dass sein Leben nun eine bedeutende Wendung nahm. Sie war die Frau, auf die er über 50 Jahre gewartet hatte. Und er mochte sich täuschen, aber umgekehrt erkannte er die gleichen Gefühle.„Okay, Maren. Am besten wäre es, wir treffen uns so schnell wie möglich. Kommst du ins Hotel?“Eine halbe Stunde später stand Maren im Foyer. Sie gingen hinunter zum Stadthafen. Maren hakte sich bei Li unter. Synagogentour „Hast du irgendeine Idee, wer das gewesen sein könnte?“, fragte Li.„Nein, nicht wirklich. Charlotte sprach von einem Chinesen, der auf der Insel gewesen sein soll. Bevor wir jetzt Stille Post spielen, solltest du Charlotte anrufen und sie ausfragen.“„Das werde ich machen. Heute Abend. Ich finde, du solltest erst mal nicht zur Insel zurück. Wer immer der Mörder von Reginald Thomas ist, im Zentrum des Interesses steht sicher unser kleines Geheimnis und nicht die Thomas‘ oder wer auch immer. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Triaden untereinander oder gar intern in einer Organisation einzelne Kämpfe ausfechten. Vielleicht wollte der Thomas ja sein eigenes Süppchen kochen. Die Gier vernebelte schon so manchem intelligenten Menschen das Hirn. „Es ist doch ein unersättliches Geschöpf, der Mensch.“ Schiller.Maren parlierte: „Es ist kein Übel ärger als Begehren, kein Unheil böser als Sichnichtbegnügen, kein Fehler größer als Erwerbenwollen.“ Lao Tse.Sie lachten und schmiegten sich noch enger aneinander. Trotz des dichten Schneetreibens, dem beißendem Wind und der ungewohnten Kälte wurde Li CiWen warm ums Herz.„Ich werde nicht auf die Insel fahren. Hatte ich auch so nicht vor. Geht außerdem nicht, denn wegen Eisgang und Nullsicht, fährt die Fähre nicht mehr. Du brauchst dir keine Sorgen machen, dass Charlotte irgendwas verraten könnte. Sie ist noch nicht vollständig eingeweiht. Dass jemand die Chiffren in dem Siheyuan entdeckt, halte ich ebenfalls für ausgeschlossen. Und wenn doch, dann braucht es zur Entschlüsselung die Computerkapazität mehrerer Nationen. Die größten Unsicherheitsfaktoren sind im Moment wir beide. Halten wir uns am besten raus. Charlotte ist klug, sie weiß, um was es geht und wird sich entsprechend auf die Aufklärung stürzen. Die deutsche Polizei ist im Moment unser Verbündeter. Ich habe gerne Verbündete. Vielleicht behalten wir das bis zur Lösung unseres kleinen Problems bei?“„Du hast recht“, sagte Li CiWen. „Wahrscheinlich ist das ganz oft so. Mein Großvater hat mir oft von den Hinrichs erzählt. Er schwärmte von der Klugheit seiner Schwester und den anderen Hinrichsfrauen. Nun bekomme ich eine Ahnung davon, was er meinte. Es ist eine Schande, dass wir uns erst jetzt kennenlernen. So vieles wäre anders gelaufen in meinem Leben. Und in deinem vielleicht auch?“„Quatsch“, sagte Maren lachend. „Dann wäre Charlotte deine Tochter oder wie? Nein, mein Lieber, alles hat seine Zeit. Mit etwas Glück kommt jetzt unsere Zeit. Ich mein … wenn du willst.“„Ich will!“, sagte er, „mehr, als du dir vielleicht vorstellen kannst.“„So, und nachdem wir uns das Ja-Wort gegeben haben, wie wäre es mit einem Ausflug in die Mecklenburger Schweiz? Du weißt schon, wohin.“„Alles klar!“, sagte er. „Das Wetter könnte nicht schlimmer sein, aber mich zieht es auch zu diesem Ort. Lass uns vorher im Hotel essen und dann werde ich als Location-Scout für chinesische Touristikunternehmen in Mecklenburgs vergessene Welt vordringen. Zusammen mit meiner attraktiven Assistentin.“„Alles klar, Professor Challenger“ Synagogentour Unter normalen Verhältnissen brauchte man eine Stunde für die Strecke. Doch diesmal fuhren sie über drei Stunden. Ihnen wurde nicht langweilig. Sie hatten sich viel zu erzählen. Die Letzte, die regelmäßig mit den Chinesen Kontakt hatte, war Josephine. Anne versuchte immer mal wieder, persönlichen Kontakt zu halten, doch mit dem Mauerbau endeten das abrupt. Nach dem Tod von Li Li 1974 schliefen auch alle schriftlichen Kontakte ein. Maren war später immer mal wieder in China gewesen, wie auch Li CiWen in Deutschland. Beide hatten öfter darüber nachgedacht, den anderen zu besuchen. Doch stattdessen schlichen sie all die Jahre umeinander herum, bis die Bruderschaft sie mit Schwung kollidieren ließ. Li CiWen erzählte ihr vom Großvater Li Li, seinem etwas glücklosen Vater Li Mi, seiner verunglückten Ehe, der Tochter in den USA und den Umständen, die ihn nach Xiamen verschlagen hatten. Marens Geschichte war ähnlich lang und kompliziert. Sie hatte zwar nicht geheiratet, aber mit dem Vater von Charlotte trotz allem fast dreizehn Jahre verbracht, bis beide sich endlich eingestanden, dass die Beziehung nicht mehr funktionierte. Eine Trennung erschien beiden das Beste. Auch für Charlotte. Als die Mauer fiel, wurde wenig später das Siheyuan an die Hinrichs rückübertragen. Obwohl der Pensionsbetrieb nie dazu gedacht war, den Lebensunterhalt der Familie zu finanzieren, lief seit der Wende der Betrieb so gut, dass sie sich dem etwas mehr annehmen mussten. Doch weder Anne noch Maren und erst recht nicht Charlotte waren bereit, hundert Prozent ihrer Zeit Gastronom zu spielen. In ihrem tiefsten Innern waren sie Bücherwürmer, Wissenschaftlerinnen und Arbeiter für die Drei Siegel. Der Gastrojob war und blieb ein Hobby. Daher hatte sie schon seit Anfang des Jahres eine Stelle als Hotelmanager mit Erfahrung ausgeschrieben. Ursprünglich war die Zeit, die Anne ihr Hörgerät erhielt und sie in Rostock war, auch dazu gedacht, einige Bewerbungsgespräche zu führen. Dann kam Li CiWen. Synagogentour Sie parkten das Auto auf dem überdimensionierten Parkplatz an der Bundesstraße. Von dort ging es über eine Allee, vorbei an einem Obelisken, zur Burg hinauf. Ihr Auto war das Einzige auf dem riesigen Areal. Wenn es so weiter schneite, würden sie es bei ihrer Rückkehr ausgraben müssen. Der Gasthof direkt neben dem Parkplatz war erwartungsgemäß geschlossen. Auch auf der Burg würde zu dieser Jahreszeit niemand sein. Die ganze Gegend döste seit dem 30-Jährigen Krieg vor sich hin, nur um jährlich in den zwei kurzen Sommermonaten wachgeküsst zu werden.Wenn Li mal ein echter Tourism-Location-Scout werden sollte, dann würde er mit dieser Schweiz einen Schatz heben. Wohlhabende chinesische Touristen, die in Warnemünde mit dem Kreuzfahrer ankamen und dann für mehrere Nächte in den luxuriösen Hotels in den mecklenburgischen Schlössern der Schweiz und im Nationalpark unterkamen, früh morgens mit den Rangern Wildwanderungen unternahmen, frische Forellen mit Pellkartoffeln aßen und auf den ausgedehnten Wanderungen Hünengräber besuchten. Allein das leicht zu haltende Versprechen, überall frische und saubere Luft atmen zu können, würde sein imaginäres Unternehmen durch die Decke gehen lassen. <img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://li.umlauts.de/wp-content/uploads/2022/04/DSCF2812-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-327" srcset="https://li.umlauts.de/wp-content/uploads/2022/04/DSCF2812-1024x768.jpg 1024w, https://li.um...

Melanie Veit, Rostock, 6. Februar 2004Melanie und Charlotte verließen die Insel in aller Frühe. Vor Sonnenaufgang erreichte das Polizeiboot Stralsund. Ohne Zeit zu verschwenden, setzen sie sich in den Dienstwagen und brausten nach Rostock. Melanie hatte sich im Godewind ein Lunchpaket mit einer großen Thermoskanne mit süßem Kaffee machen lassen. Sie wollte keine Zeit auf Raststätten verschwenden. Stralsund Raststätten an deutschen Autobahnen hatten für Melanie etwas Traumatisierendes. Als Heranwachsende war sie, wann immer es die Zeit ihr erlaubte, nach Berlin getrampt. Oft alleine. Und nicht alle Touren verliefen ohne Zwischenfälle. Sie wusste sich zu wehren und es kam deshalb nie zum Äußersten. Dennoch geriet sie in grenzwertige Situationen. Was für ein Wahnsinn, dachte Melanie heute. Ihre größte Angst damals waren nicht die Vergewaltiger, sondern die allgegenwärtige Stasi. In der Rückschau konnte sie ihre Realitätsverzerrung kaum fassen. Vielleicht war es seinerzeit wirklich ungefährlicher. Sie zweifelte daran. Damals fuhren deutlich mehr Menschen per Anhalter. Es war wie FKK … im weitesten Sinne. Ein stiller, kaum wahrnehmbarer Protest. Seht her, ich steh nackt vor euch und ihr könnt mir nichts mehr nehmen! Oder: Seht her, ich habe mich nie für ein Kackauto in eine zwanzig Jahre währende Schlange eingereiht – behaltet eure sauren Trauben und erstickt dran! Tatsächlich, so naiv war sie damals. Erst später hatte sie begriffen, dass auch ihre IMs nackt badeten und lieber Zug fuhren oder trampten. Alle von denen fuhren per Anhalter mit ihr nach Hiddensee. Hörten den gleichen Bands zu. Erzählten sich am illegalen Lagerfeuer die ewig gleichen Geschichten, die sie auf den Tramptouren nach Bulgarien erlebt hatten. Und wahrscheinlich träumten sie alle den gleichen Traum von einem glücklichen Leben in einer kleinen warmen Welt. Warm und muffig. Melanie öffnete das Fenster. Ihr war übel. Diesmal hatte sie der Blues fest im Griff. Sie kannte das schon. Danach würde eine Welle der Aggressivität über sie hinweg schwappen. Dieses Hiddensee zerrte an ihren Nerven. Sie beschloss, etwas dagegen zu tun. Rostock „Sind sie auf Hiddensee geboren“, fragte Melanie Charlotte, um ein wenig Small Talk bemüht.„Fast. Hätte beinahe geklappt. Aber meine Mutter fand es kurzfristig doch besser, mit geplatzter Fruchtblase nach Stralsund überzusetzen, um mich dort im Krankenhaus zur Welt zu bringen. Geburtsort: Vitte, ist ein seltener Eintrag in Geburtsurkunden. Aber wir sind nach wenigen Stunden wieder zurück. Meine Mutter hatte wohl Autoritätsprobleme mit der Mütterberatung. Den Trip in die Hansestadt hätten wir sparen können. Das hätte der Inselarzt, trotz nachgesagten Alkoholproblem, auch hinbekommen. Ich bin ziemlich robust – wissen Sie?“Daran zweifelte Melanie keine Sekunde. Die junge Frau hatte zwar eine zarte Statur, aber ihr gesamter Habitus signalisierte das genaue Gegenteil.„Und weil Sie so robust sind, haben Sie sich ins Orchideenfach Sinologie eingeschrieben – oder?“, griff Melanie den Faden eines früheren Gesprächs wieder auf. Rostock „Touche! Nein, so war es nicht. Es gibt eine Familientradition. Wir sind eine ziemlich merkwürdige Familie, wissen Sie. Die Dynastie wurde durch meinen Ur-Uropa Hans gegründet. Das war der letzte Mann in der Reihe meiner Ahnen. Meine Uroma Josephine war die letzte ehelich geborene Verwandte. Tja und die wurde in der deutschen Kolonie Qingdao, damals noch Tsingtau, geboren. Die Hinrichs gebären nur Töchter. Und alle, so wie auch ich, lernen ab der Geburt Chinesisch. Da liegt ein Sinologiestudium ziemlich nahe. Ehrlich gesagt, habe ich das Studium mit dem halben Hintern abgerissen. Da ging es nur um den Schein. Irgendwann werde ich vielleicht mal promovieren. Mit vierzehn habe ich die ersten Übersetzungen für einen Verlag gemacht. So als Ghostwriter für meine Mutter, die sich gelegentlich ja auch mal um die Pension kümmern musste.“„Sie sind alle ohne Väter aufgewachsen?“ Melanie war fasziniert.„Jep. Wir Hinrichs sind ein echter Weiberverein. Wussten Sie eigentlich, dass es in China noch matriarchalische Minderheiten gibt? Die Naxi zum Beispiel. Wenn die Frauen einen Mann oder Vater für die Kinder haben wollen, dann holen sie sich den ins Haus. Wichtige Entscheidungen werden durch die Mütter getroffen. Die Männer kümmern sich um den Haushalt und die Erziehung. Arbeiten, im Sinne von Geld verdienen, tun nur die Frauen. Wenn das mit der Ehe nicht so klappt, schicken sie den Mann zurück zu seiner Mutter.“„Ich habe davon gehört“, sagte Melanie, „aber ich dachte, das ist eine Urban Legend. Und Sie haben sich gemäß der Tradition vorgenommen, nicht zu heiraten?“„Na ja. Diese Tradition ist eher zufällig entstanden. Es gibt keinen feministischen Hinrichs-Kodex. Obwohl das natürlich ‘ne coole Idee wäre. Ich habe nichts gegen Männer in meinem Leben. Aber ganz ehrlich, heiraten ist so was von 20. Jahrhundert. Meine Uroma Josephine wurde 95 Jahre alt, ihre Mutter Lisa 93 und meine Oma Anne bekommt gerade ein Hörimplantat in der Rostocker Uniklinik. Wir werden immer älter und bleiben im Alter aktiv. Meine Ur-Uroma Lisa hat sich nach dem Tod ihres Mannes die letzten fünfzehn Jahre ihres Lebens mit einer gleichalten Frau, einer Einquartierung aus Schlesien, geteilt. Sie hatten ein gemeinsames Bett. Das ist länger, als heute die meisten Ehen halten. Können Sie sich vorstellen, die ganze Zeit nur mit einem Partner zusammen zu sein? Also ohne sich zu gruseln, meine ich.“Melanie lachte. Charlotte gefiel ihr. Sie dachte ähnlich. Aber es gab einen Punkt, der immer mehr in den Mittelpunkt rückte. Sie wollte im Alter nicht alleine sein. Rostock Sie fuhren zuerst zur Rechtsmedizin. Eine Identifizierung des Toten war durch die Zahnarztunterlagen erfolgt. Sowie die Fähren wieder fahren, müsste die Ehefrau die Identität abschließend bestätigen. Aber das hatte Zeit. Melanie war froh, dass die Thomas auf der Insel festgenagelt war. Charlotte ging solange in die Kröpeliner, die Bummelmeile der Rostocker, um einen richtigen Kaffee zu trinken, wie sie sagte. Kaffee mit Zucker und ohne Milch mochte sie nicht, wusste Melanie nun. Sie hatten sich im Alex zwischen Marienkirche und Neuem Markt verabredet. Rostock „Hallo Doc, haben Sie was für mich?“, begrüßte Melanie den Rechtsmediziner.„Ihnen auch einen schönen Tag, Frau Veit. Sie sind aber früh dran – Hubschrauber?“„Ja, steht im Hof. Bin selbst geflogen“, antwortete Melanie. „Sie wissen ja, der frühe Vogel fängt den Fisch oder wie das heißt.“„Na gut, al...

Josephine Hinrichs, Berlin, Juli 1954Josephine wartete mit ihrer sichtbar schwangeren Tochter Anne in der Blumenstraße, Ecke Lichtenberger. Sie konnten die Delegation gut sehen. Li Li und Henselmann folgten der Gruppe um Zhou Enlai und Friedrich Ebert. Hermann Henselmann nutzte zum Erzählen den gesamten Körper. Alle zwei Sekunden strich er sich seine Locken aus dem Gesicht. Offensichtlich hatte er in Li Li einen aufmerksamen Zuhörer gefunden. Neben Li ging der junge Meyerfeld und hörte den beiden aufmerksam zu. Josephine war jedes Mal überrascht, wenn sie Ähnlichkeit der beiden Meyerfelds sah. Das ist mir ein rechter ewiger Wanderer, dachte sie. Li Li entdeckte die beiden Frauen an der Straßenecke. Er winkte ihnen lächelnd zu. Eine ganze Anzahl Schutzpolizisten schirmte den offiziellen Staatsbesuch aus China ab. Das war den Hinrichs-Frauen egal.Sie würden sich heute Abend, alle zusammen und mit Netty, in einem kleinen Hotel in Karlshorst in der Godesberger Straße treffen. Eins der wenigen Hotels in Berlin, die den Krieg unbeschadet überstanden hatten. Zentralbild Heilig 24.7.1954 Besuch des Ministerpräsidenten und Ministers für Auswärtige Angelegenheiten der Volksrepublik China Tschou En-lai in Berlin. 2.Tag. Besuch in der Stalinallee UBz: Der Ministerpräsident und Minister für Auswärtige Angelegenheiten der Volksrepublik China, Tschou En-lai wird beim Verlassen des Hochhauses am Strausberger-Platz von den Straßenpassanten herzlich begrüßt. (Rechts im Vordergrund) Der Oberbürgermeister von Groß-Berlin, Friedrich Ebert, (dahinter) der Chefarchitekt von Berlin, Nationalpreisträger Professor Dr. [Hermann] Henselmann. Das letzte Mal trafen sie sich dort vor vier Jahren anlässlich der Beerdigung von Hans. Li Li hatte eine bewegende Rede gehalten. Viele weinten laut, manche leise. Doch nach ein paar Stunden mit den Freunden und vielen Geschichten aus den wilden Zeiten, gingen sie mit einem Lächeln wieder ihrer Wege. Käthe Miethe, die etwas älter als Josephine war, gehörte mittlerweile zu den besten Freundinnen. Sie saß auf der Trauerfeier direkt ihr gegenüber. Neben Käthe saß Margarethe Paluka(42), ebenfalls in ihrem Alter und regelmäßig auf Hiddensee. Gelegentlich streiften sie als Trio Infernale über den Dornbusch. Es war gut, die Freunde zu treffen. Die Trauer war kleiner geworden. Selbst Lisa lächelte ab diesem Tag wieder. Josephine hatte sich große Sorgen um sie gemacht und Li Li davon berichtet. Über 50 Jahre waren die beiden gemeinsam durch ein ungewöhnliches Leben gegangen. Josephine befürchtete, dass die Mutter aufgeben würde. Doch das war falsch. Nicht zuletzt durch Lis und Josephines Bemühungen fand sie ins Leben zurück.Nun genoss Lisa jeden Tag auf Hiddensee. Sie hätte sie gerne nach Berlin begleitet. Doch mit ihren sechsundachtzig Jahren wollte ihr keiner mehr die lange und beschwerlich gewordene Reise nach Berlin zumuten. Li Li hatte ihr fest versprochen, sie auf der Insel zu besuchen. Und wenn Li etwas versprach, das wusste Lisa, würde er es halten. Sie trafen sich wie verabredet am Abend in dem Hotel in Karlshorst. Netty brachte eine Freundin mit. Hu Lanqi(43) gehörte schon seit 1920 zu den Drei Siegeln. Netty und Lanqi wurden 1933 in derselben Nacht verhaftet. Doch die Chinesin verbrachte im Gegensatz zu Netty ganze drei Monate im Gefängnis der Nazis. Sie konnte schließlich über einen kurzen Aufenthalt in Frankreich und dann England nach China ausreisen. Sun Wens Witwe beschwerte sich persönlich beim deutschen Konsul in Schanghai. Sehr lautstark, wie sich Li Li erinnerte, der sie mit dem damals bekannten Dichter Lu Xun begleitet hatte. Auch ein deutscher Konsul wagte es nicht, sich gegen den Geist von Sun Wen zu stellen. Josephine war nur ein Jahr älter als Hu Lanqi. Sie schlossen sofort Freundschaft. Netty erfuhr irgendwann von Li Li, dass sie und Hu Lanqi Schwestern im gleichen Bund waren. Schwestern in der Bruderschaft. Die beiden Frauen amüsierten sich über die verstaubte Nomenklatur. Irgendwann sollte ein neues Wort für die Mitglieder in dem uralten Geheimbund gefunden werden. Doch bis dahin würde viel Wasser dem Jangtse hinabfließen. Hu Lanqi war im Bürgerkrieg bis zur Generalmajorin aufgestiegen, doch nun übernahmen wieder die Männer die Geschäfte. Im Osten wie im Westen. Zwar stellte sich die Bruderschaft mit ihren subtilen Methoden gegen diesen Trend, doch die Möglichkeiten für Frauen wurden weniger. Hinzu kam, dass ein Jahr zuvor die chinesischen Kommunisten um Mao Zedong beschlossen hatten, Geheimgesellschaften zu verbieten. Ein unsinniges Gesetz. Und es funktionierte nicht. Es diente viel mehr dazu, sich unliebsame Konkurrenz im Kader vom Hals zu schaffen. Allein der Verdacht, in einer Geheimgesellschaft Mitglied zu sein, reichte, wenn man jemanden aus dem Weg haben wollte. Hu Lanqi war bereits mit den selbsternannten Gralshütern in Konflikt geraten. Hu Lanqi in Berlin Generalmajorin Hu Lanqi Hu Lanqi u.a. mit Nettis Tochter Ruth Hu Lanqi und Anna Sehgers Auch Margarethe war wieder mit dabei. Sie saß wie bei der Trauerfeier zusammen mit Netty und Käthe auf der anderen Seite des Tisches gegenüber von Josephine. An der einen Stirnseite saß Li Li an der anderen Anne, die wegen ihres Bauches viel Platz brauchte. Neben Josephine und Anne hatte der junge Meyerfeld – Friedemann Meyerfeld – Platz genommen. Er sah exakt so aus, wie sein Vater in dem Alter. Doch es war nicht nur das Aussehen, auch seine Bewegungen, Gesten – sein gesamter Habitus, ähnelten sich auf unheimliche Weise. Sie hatte in ihren vielfältigen Studien im chinesischen Siheyuan einmal etwas von der Parthenogenese gehört. Jetzt fragte sie sich, ob Männer auch zu dieser Form der Vermehrung fähig wären?Li Li interessierte sich für Annes Pläne. Kriegsbedingt hatte ihr Studium etwas länger gedauert. Doch als frisch gebackene Ökonomin mit dem Nebenfach Sinologie standen ihr jetzt alle Wege im neuen Deutschland offen. Wenn da nicht die Schwangerschaft und das kommende Kind wären. Wie eine echte Hinrichs bügelte sie Li Lis Bedenken ab.„Das Kind wird kein Hindernis auf meinem Weg sein. Ein Mann wäre schon eher eins. Ich habe konkrete Pläne. Die meisten Aufgaben kann ich von Hiddensee oder Rostock erledigen. Es wird die Zeit kommen, wo der Wohnort in der Arbeitswelt keine Rolle mehr spielen wird. Ich fang damit schon mal an“, sagte Anne.„Ja“, sagte Li Li, „das hätte deine Mutter ganz genau so formuliert. Wusstest du eigentlich, dass sie mal wie Marie Curie werden wollte? Aber ernsthaft jetzt, leicht wird das alles nicht. Du sollst nur sicher sein, dass du unser aller Unterstützung haben wirst. Ohne Belehrung, ohne Zeigefinger … weißt schon.“ Josephine dachte an die letzten Jahre zurück. Sie hatten überlebt. Wie Meyerfeld vorausgesagt hatte, lagen die St...

Zwei Zonendoedel reisen NICHT von „Hamburg nach Haiti“ – im Kopf, mit dem Finger auf der Landkarte – sondern von Hongkong nach Hiddensee. Jan von Rissenbeck lebt schon eine Weile auf einer kleinen Insel in Hongkong. Er erzählt, was hinter den Spielorten von „Li und der Schatz“ steckt und gibt ein paar touristische Tipps. Dank ähnlicher Sozialisation haben wir beide auch eine sehr spezielle Meinung zu Hiddensee – auch ein Ort des Major Li. Ein gemütliches Kamingespräch über die Sehnsuchtsorte dieser Welt, ohne allzu sehr ins Schwärmen oder gar unhaltbar in die Vergangenheit abzugleiten. ICC, Foto: Jan von Rissenbeck 00:01:01.809 Jan von Rissenbeck Jan van Rissenbeck geborener Hohmann, 1965 in Leipzig. Die erste Hälfte des Berufslebens als Musiker verbracht. Dank MP3 Wechsel in die Wirtschaft. Seit 2010 als Eyetracking-Spezialist weltweit unterwegs. 2017 Umzug nach Hong Kong. https://www.instagram.com/jan_van_rissenbeck/ Foto: Jan von Rissenbeck 00:01:36.817 Happyshooting Der Fotopodcast – https://happyshooting.de/ 00:03:02.388 Peng Chau Peng Chau, Foto: Jan von Rissenbeck Peng Chau, Foto: Jan von Rissenbeck 00:03:55.069 Die Hippies von Lamma Lamma, Foto: Sven Tetzlaff Lamma, Foto: Sven Tetzlaff Lamma, Foto: Sven Tetzlaff Lamma, Foto: Sven Tetzlaff 00:08:32.420 City Slicker Hiking in Hongkong … von Jan empfohlene Guides: Hiking in HK:https://apps.apple.com/hk/app/hiking-trail-hk/id1403380232?l=en https://play.google.com/store/apps/details?id=tsoiyatshing.hikingtrailhk&hl=en&gl=US Die besten 10 Trails:https://www.timeout.com/hong-kong/sport-and-fitness/best-hikes-hong-kongSham Shui Po Guide:https://www.timeout.com/hong-kong/things-to-do/sham-shui-po-the-ultimate-guide 00:15:18.580 Auf zum Peak Foto: Jan von Rissenbeck Foto: Jan von Rissenbeck 00:18:19.667 Aberdeen Aberdeen, Foto: Jan von Rissenbeck Jumbo, Foto: Sven Tetzlaff 00:23:49.505 Kunstszene 00:25:45.288 Das Hibiskus Nudelrestaurant, Foto: Sven Tetzlaff Nudelrestaurant, Foto: Sven Tetzlaff 00:27:57.097 Nathan Road Nathan Road, Foto: Jan von Rissenbeck Nathan Road, Foto: Jan von Rissenbeck Nathan Road, Foto: Jan von Rissenbeck 00:32:27.165 Beste Reisezeit Sham Shui Po, Foto: Jan von Rissenbeck 00:38:13.747 Sham Shui Po Sham Shui Po, Foto: Jan von Rissenbeck Sham Shui Po, Foto: Jan von Rissenbeck Sham Shui Po, Foto: Jan von Rissenbeck 00:40:56.628 Musik Musik Musik Die andere Musik in China: https://music.apple.com/de/playlist/china-die-andere-mucke/pl.u-3zeG4IPV6y4BJans Musik damals: https://youtu.be/M3Q4fMmNMVo , https://youtu.be/oHbWGHS-aGwJan aktuell: https://music.apple.com/de/album/in-the-mist/1546039027?i=1546039031 Ja und die Bands der DDR (Melanies DDR-Blues):https://schwarzkopf-verlag.info/p/wir-wollen-immer-artig-seinht...

Li CiWen, Deutschland, Februar 2004Das Treffen mit John Chow verlief so, wie sie es geplant hatten. Keine unangenehmen Überraschungen, keine Nachverhandlungen. Alles so, wie es sein sollte. John Chow erwies sich als eine Ausnahmeerscheinung. Überdurchschnittlich intelligent, sorgten sein tapsiges Äußeres und seine hohe freundliche Stimme dafür, dass man ihn, ohne es verhindern zu können, sträflich unterschätzte. Ein gemütlicher Panda. Dass John Chow bis fast in die höchste Triadenebene aufgestiegen war, hätte selbst ein gewiefter Ermittler wie Li CiWen nicht glauben mögen. Und doch war es so. Auf der anderen Seite war er eben doch nicht der brutale Mafiaboss, den man in dieser Stellung erwarten müsste. John Chow war ein Menschenfreund, den das Schicksal in diese Position gespült hatte. Lim und Li wussten nach wenigen Worten, die sie mit dem Paar gewechselt hatten, dass Chow und seine Freundin ihr gesamtes Wissen ausbreiten würden. Sie hatten endgültig mit ihrem bisherigen Leben abgeschlossen und waren grimmig entschlossen, die dargebotene Chance zu nutzen. Auch auf die Gefahr hin, dass dies das Letzte war, was sie taten. Li CiWen spürte eine Verantwortung den beiden gegenüber. Wie erwartet hatte das Paar alle nötigen Vorbereitungen für die Flucht getroffen. Keine Zeit dafür war günstiger als um das Neujahrsfest herum. Lim und Li hatten ihre Hausaufgaben gemacht. Zwei Tage später konnte die Flucht über die Bühne gehen. Ein einfacher Grenzübertritt mit dem Auto erschien ihnen zu riskant. Die Drei Harmonien hatten ausgezeichnete Sniper, was sie auf diesem Weg schon öfter unter Beweis gestellt hatten. Diese Leute benötigten keine Vorwarnzeit. Ein Anruf und sie legten aus ihrem Fenster an. Triadische Grenzsicherung nannte Lim Tok das. Angeblich waren alle Straßen nach draußen auf diese Weise gesichert. Noch stand John Chow nicht auf der Abschussliste, aber niemand mochte warten, bis es so weit war. Macau Skyline Das Paar fuhr am übernächsten Tag zur Chung-Kong-Road, um, wie öfter in den letzten Wochen, einen Trip nach Macau zu machen. Ein bisschen spielen. Ein Sky-Shuttle würde sie nach Macau fliegen. Doch sie stiegen nicht in Macao aus. Zwei Flugbegleiter – ein großer Mann und eine Frau, verließen in der Kleidung der beiden den Helikopter. Dann wurde ein gefakter Krankentransport zugeladen. Der Helikopter hob wieder ab und brachte Chow und Freundin zum Zuhai-Airport-Hospital. Vor den Blicken Dritter geschützt, verschwanden sie als Krankenpersonal verkleidet im Hospital und begaben sich in die Hände der chinesischen Sicherheitskräfte. Wo es dann mit ihnen hinging, konnte Li CiWen nicht sagen. Er hatte in Xiamen auch schon Triaden-Überläufer aus Fujian versteckt. Die nächsten Tage und Wochen würden für die beiden nicht einfach werden. Tagelange Verhöre mit ewig gleichen oder nur leicht variierten Fragen würden auf sie einprasseln. Jedes einzelne Wort würde von einem Expertenstab auf Plausibilität geprüft werden und wenn nur die kleinste Ungereimtheit auftauchte, fing der ganze Zirkus von vorne an. Es würde noch gründlicher, noch tiefer gebohrt. Sie waren zwar offiziell keine Gefangenen, theoretisch gab es sie nicht einmal auf chinesischem Boden, aber praktisch waren sie es dennoch. Sie würden sich beide über die Zeit kaum sehen. Und wenn, würde jede Kommunikation zwischen Ihnen überwacht. Li und Lim hatten ihnen die Prozedur in dem Abbruchhaus genau geschildert und hoffentlich die Illusion genommen, dass sie sich mit Zurückhaltungen oder Lügen durchmogeln könnten. Konnte man nicht. Hatten sie es endlich überstanden, würden sich plastische Chirurgen der beiden annehmen. Wenn die Wunden abgeheilt waren, bekamen sie neue Papiere mit aktuellen Bildern. Je nachdem, wo sie ein neues Leben anfangen wollten, ob in Australien, den USA oder Großbritannien, die Pässe wären echt und ihre Legenden absolut wasserdicht. An ihnen hatten Spezialisten mehrere Wochen gearbeitet. Inklusive der Verlegung von Spuren in Melderegistern, in Schulen, bei Ärzten und wo Menschen im Laufe ihres Lebens Spuren zu hinterlassen pflegen. Ja, sie würden in ihrer neuen Umgebung sogar Besuch von langjährigen Freunden bekommen, die sie noch nie gesehen hatten. Und auf dem Grillfest anlässlich ihres Einzugs ins neue Haus, würden sie mit diesen Freunden Geschichten vor den neuen Nachbarn zum Besten geben, die nie stattgefunden hatten. An alles war gedacht. Und doch gab es ein Restrisiko. Von nun an waren sie ihr restliches Leben auf der Flucht. Falls sie Verwandte oder Freunde hatten, würden sie die niemals mehr wiedersehen. Es war ein hoher Preis. John Chow hätte die Treppchen in den Triaden weiter nach oben klettern, und sich irgendwann auf einer der Inseln auf sein Altenteil zurückziehen können. Er hätte im Geld schwimmen und sich jeden Wunsch erfüllen können und hätte nur mit dem Finger schnippen müssen, um etwas zu regeln. Doch er und seine Gefährtin hatten eine Entscheidung getroffen. Li Ciwen wünschte ihnen in Gedanken viel Glück. Li CiWens Arbeit in Hong Kong war getan. Erkenntnisse, die ihren Fall betrafen, flossen dank John Chow direkt nach Xiamen. Er konnte in der Stadt nicht mehr viel ausrichten. Lim Tok hatte beschlossen, für eine Weile mit Pipi zu verschwinden. Sie waren ja mobil. Er glaubte zwar nicht, dass ihnen direkt eine Gefahr drohte. Mal von der Bildfläche zu verschwinden, war für einen erfolgreichen Privatdetektiv nie schlecht. Umso mehr würde seine Wiederauferstehung gefeiert. Ihre erste Station sollte Thailand sein, dann Singapur und dann vielleicht Australien. Sie würden sich treiben lassen. Mal sehen, was die Zeit brachte.Pipi, Lim und Li CiWen saßen an Deck. Der Abend war lau, aber der Wind hatte zugelegt. Die Dünung ließ das Boot leicht dümpeln. Auf dem Tisch stand eine große Schüssel frisch zubereiteter Krabben. Li CiWen tunkte ein Krabbenbein in die Soße und knackte es krachend mit seinen Zähnen. Genüsslich zutschelte er das weiße Fleisch heraus. Auf dem Tisch stapelten sich die Überreste. Dazu gesellten sich etliche leere Bierflaschen. Die schwankende Laterne über dem Tisch tauchte das Inferno in unruhiges Licht. Ruins of St. Paul’s, façade originally of The Cathedral of St. Paul built in 1602. Lim Tok fing an zu sprechen: „Wir wissen jetzt eine ganze Menge mehr, als im Jahr des Schafes. Die Thomas‘ aus Kent, haben den Boshanlu identifiziert und die Drei Harmonien informiert. Es ist ihnen gelungen, den Hintergrund des Stückes in der Zeit zurückzuverfolgen. Zu unserem Glück haben sie diese Information nicht sofort übermittelt. Für die Triaden sind die beiden abgetaucht. Vermutlich sind die nicht glücklich darüber. Einer ihrer Soldaten hat die Witterung der Thomas‘ aufgenommen und ist ihnen gefolgt. Nach dessen Auskunft sind sie jetzt alle drei in Deutschland. Wir wissen nicht, ob die Thomas‘ ihr eigenes Ding durchziehen wollten oder ob sie nur das Inkognito wahrten. Denn wir wissen, dass auch Dienste der Briten an denen dran sind. Es muss nicht unbedingt ein unfreundlicher Akt der Thomas’ gegenüber den Triaden gewesen sein. Ich kann mir das kaum vorstellen. Die Thomas‘ hätten viel zu verlieren und nur wenig zu gewinnen. Wie auch immer, sie sind unseren Leuten deutlich nähergekommen. Ob sie die richtigen Schlüsse ziehen werden, wissen wir nicht. Die Weichen werden jetzt in Deutschland gestellt. Ich hoffe, du bekommst das Baby geschaukelt.“„Ja“, sagte Li CiWen, „ich bin gerne da drüben. Allerdings lieber, um Urlaub zu machen. Mein Flieger geht morgen nach Frankfurt. Wenn ich mich recht erinnere, dann ist es um die Zeit richtig kalt in Deutschland. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Lasst von euch hören, wenn ihr euer neues Ziel erreicht habt.“Sie stießen an und machten sich wieder über die Krabben her. <img loading="lazy" decoding="async" width="682" height="1024" src="https://li.umlauts.de/wp-content/uploads/2022/03/macau-8790-xx-682x1024...

Melanie Veit, Hiddensee, 5.-6. Februar 2004 Melanie informierte die drei, die akribisch das Appartement durchsuchten, über Charlottes Anruf. Höflich wie sie waren, richteten sie kein Chaos an, sondern hinterließen jeden durchsuchten Platz so, wie sie ihn vorgefunden hatten. Das war gut gemeint, aber kostete enorm Zeit. Die Thomas saß draußen im Flur und probierte die Alkoholika der Minibar durch. Melanie mahnte zur Eile. Wie erwartet, waren sie nach einer weiteren halben Stunde fertig. Neben den Kleidungsstücken, welche die Thomas in der Mordnacht getragen hatte, nahmen sie einige Stofffetzen mit, die sie auf dem Grund des Papierkorbes gefunden hatten. Melanie dankte innerlich dem nachlässigen Zimmerservice. Sollten sich Rückstände des Giftes in dem Appartement finden, konnten sie den Sack mit etwas Glück schnell zubinden, hoffte Melanie. Verdächtige, die sie mit deutlichen Indizien konfrontierte, hielten meist nicht lange durch, bevor sie sich in Widersprüche verstrickten und schließlich aufgaben. Auf der anderen Seite war es Melanie klar, dass Indizien deutlich weniger wert waren als Beweise, wenn der Fall vors Gericht kam. Sollte Christine Thomas abgebrüht genug sein, dann würde ihnen dieses eine Indiz nichts nützen. Anlass der Durchsuchung war das ominöse Notizbuch. Doch das blieb verschwunden. Handcarts in Kloster Zu ihrer aller Überraschung reisten die Thomas‘ mit ungewöhnlich leichtem Gepäck. Hiddensee war nicht Rimini, wo man sich mal eben so Fehlendes nachkaufen konnte. Schon gar nicht im Februar. Melanie war ebenfalls Anhänger des minimalistischen Reisens, aber die Thomas‘ übertrafen sie locker. Sie war sich sicher, dass die Abreise aus England überhasteter war, als Mrs. Thomas es ihr gegenüber zugegeben hatte. Ihr kam die Aussage, dass Freunde ihr dieses Reiseziel empfohlen hätten, viel zu fischig vor. Wer in Kent empfiehlt schon Hiddensee? Sie fragte sich zum wiederholten Male, warum die Thomas‘ wirklich hergekommen waren. Und, wenn sie genauer darüber nachdachte, dann fragte sie sich außerdem, ob die Wahl der Pension Zufall gewesen sein mochte. Sie musste Charlotte mehr auf den Zahn fühlen. Was nicht leicht war, denn durch ihre flapsige Art, wusste Melanie nie so recht, woran sie war. Kurz zweifelte sie daran, dass es eine gute Idee war, sie so weitgehend in den Fall einzubeziehen. Vielleicht waren die Thomas‘ wegen der Chinaconnection der Hinrichs gekommen und die Geschichte mit dem Chinesen war nur eine Ablenkung? Immerhin wurde der nur von Charlotte zweifelsfrei beschrieben. Alle anderen Befragten gaben zwar an, einen Chinesen auf Hiddensee gesehen zu haben, konnte den aber nicht beschreiben. Und das konnte Melanie gut nachvollziehen: Schwarze glatte Haare, mandelförmige dunkle Augen, kleine Nase, ca. 1,70 groß. Das traf wahrscheinlich auf die meisten Asiaten zu. Den Kaukasiern fehlten die gewohnten Landmarks im Gesicht der Asiaten, hatte sie auf ihrer FBI-Schulung gelernt. Asiaten würden andere Merkmale wie Kopfform, Halsansatz, Ohr- und Mundform, Grübchen … für eine Beschreibung heranziehen. Das sorgte umgekehrt dafür, dass sie ebenso wenig die Westler voneinander unterscheiden konnten. Unzweifelhaft war, dass ein Chinese auf der Insel war und diese nicht mit einer Fähre verlassen hatte. Ob der in Rostock festgenommene und der Insel-Chinese identisch waren, stand auf einem anderen Blatt. Sie fuhren zur Station, ließen Bade zusammen mit den beschlagnahmten Sachen zurück und fuhren dann so schnell, wie es auf Hiddensee geht, nach Neuendorf.Papa ging alleine in die Stranddistel. Melanie und Treder beobachteten die Situation von draußen. Sollten die beiden Touristen etwas zu verbergen haben, dann würde sie die Uniform nervös machen und sie verließen überhastet die Kneipe. So die Überlegung. Doch das Paar tat ihnen den Gefallen nicht. Zwar beobachteten sie sein Hereinkommen, aber als sich Papa an den Stammtisch zu Charlotte setzte, wandten sie sich wieder ihrem Gespräch zu. Papa setzte seinen Polizistenblick auf und begrüßte die Bekannten an den Tischen. Für die Touristen musste das so aussehen, als wenn der Dorfpolizist hier zu seinem Feierabendbier einkehrte. Nicht nur, um die Tarnung aufrechtzuerhalten, bestellte er sich ein Hiddenseer. Die beiden ließen keine Eile erkennen. Melanie und Treder wurde allmählich kalt. Also beschlossen sie, die Observation abzubrechen. Sie gingen hinein und setzen sich ebenso selbstverständlich – wie zuvor Papa – an den Stammtisch. Charlotte signalisierte der entgeistert dreinblickenden Wirtin mit einem Blick, dass dieser offensichtlich feindliche Akt staatlichen Belangen untergeordnet werden musste. Man setzte sich nicht unaufgefordert an einen Hiddenseer Stammtisch. Nicht ohne Grund. Tischstreitigkeiten waren ein Teil der Existenzberechtigung der Hiddenseer Polizei. Die Alteingesessenen in der Kneipe verstummten kurz und beobachteten erwartungsvoll die Situation. Als sie bemerkten, dass die Wirtin keine Maßnahmen zur Verteidigung ergriff, war ihnen klar, dass alles seine Richtigkeit haben musste, und wandten sich wieder ihrem Bier zu. Das Paar bekam diese kurze Stimmungsschwankung mit und beobachtete nun etwas aufmerksamer die Neuankömmlinge. Die beiden waren mit dem Essen fertig und würden gleich zahlen. Es wurde Zeit für Melanie, einzugreifen. Sie ging hinüber zu dem Paar, stellte sich ihnen vor, und bat sich an den Tisch setzen zu dürfen. Sie willigten ein, aber ihren Gesichtern war zu entnehmen, dass ihnen die ganze Situation nicht passte. Vitte Port „Es tut mir leid, Sie in ihrem Urlaub belästigen zu müssen. Sie haben sicher schon von dem Vorfall in Vitte gehört und ich muss Ihnen dazu ein paar Fragen stellen“, sagte Melanie.Der Mann antwortete: „Wir wissen nicht, welchen Vorfall Sie meinen. Können Sie etwas deutlicher werden?“„In Vitte am Ostseestrand am Süderende ist ein Mann ermordet worden, den Sie wahrscheinlich als Letztes lebend gesehen haben. Vor dem Mörder, meine ich natürlich“, fügte Melanie absichtlich hinzu.„Um Gottes willen“, sagte die Frau und hielt sich die Hand vor den Mund, „von wem reden Sie denn nur?“„Wirklich keine Ahnung?“, fragte Melanie leicht gereizt. „Sie wissen nicht, wen ich meine?“Die beiden sahen sie verständnislos an.Der Mann übernahm wieder: „Nein, wir haben nicht die geringste Ahnung.“Melanie erzählte ihnen von den Thomas‘ und dem Fund des toten Reginald Thomas am Strand.„Das ist ja schrecklich“, sagte die Frau. „Wir haben den ganzen Abend über dies und das geplaudert. Seine Frau ging schon früher. Ihr war nicht gut. Ich glaube, sie hatte einen Platz auf einem Fuhrwerk bekommen. Er war zu Fuß dort und da haben wir ihm angeboten, sich auf den Gepäckträger zu setzen. Das hat auch geklappt. Als wir dann nach Vitte rein sind, also so circa auf der Höhe vom Haus Karusel stand am Weg eine Gestalt, die ihn auf Englisch angesprochen hat. Eindeutig ein Mann. Der Herr Thomas ist dann abgestiegen, hat sich verabschiedet und wir sind weiter nach Neuendorf gefahren.“„Haben Sie die Person erkennen können“, fragte Melanie.„Nein, überhaupt nicht. Er stand im Schatten. Das hat mich an dem Abend schon gestört. Ein paar Meter weiter stand eine Laterne. Aber er hat im tiefsten Schatten gewartet.“„Sie meinen, er hat gewartet? Es war also ihrer Meinung nach keine Zufallsbegegnung?“„Auf keinen Fall. Sie wissen ja, der Weg nach Vitte rein ist weit einsehbar. Der hat eindeutig gewartet.„Was hat der Mann gesagt?“„Mmhh, genau weiß ich es nicht mehr“, sagte die Frau, „irgendwas wie Hello Reg oder so.“„Also hat er ihn auf Englisch und mit Namen angesprochen – ist das richtig?“„Ja“, schaltete sich der Mann ein, „die Thomas‘ hatten sich in der Kneipe als Christine und Reginald vorgestellt.“„Wann haben Sie ihn abgesetzt? Versuchen Sie sich bitte genau an die Zeit zu erinnern.“„Das brauche ich gar nicht“, sagte der Mann, „ich er...