
Hosted by Julia Grillmayr, Hanna Ronzheimer, Signation: Sebastian Klingovsky Produktion: Martin Gasteiner… · DE

Ein Podcast-Essay Ruinen sind mehr als Überreste – sie sind Denkfiguren, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verschränken. Dieser Podcast-Essay erkundet ihre kulturelle Bedeutung: als Orte des Verfalls, aber auch der Imagination. Vom romantischen Klostertrümmer über digitale Glitches bis zum Dark Tourism spannt sich der Bogen. Ruinen zeigen, was war, und fragen zugleich, was hätte sein können – oder noch kommen mag. Ein Streifzug durch historische Tiefenschichten, mediale Brüche und das utopische Potenzial des Unvollständigen.

Monika Wagner erörtert im Gespräch mit Anna Soucek die Rolle von Ruinen in der Kulturgeschichte und deren Funktion als Zeugnisse vergangener Macht und Katastrophen. Sie beschreibt, wie Ruinen einerseits materiellen Zugang zu vergangenen Wirklichkeiten verschaffen und zugleich die Fantasie anregen, wobei sich diese beiden Pole je nach Epoche unterschiedlich auswirken. Wagner verweist auf das 18. Jahrhundert, in dem Ruinen in England als Symbole eines überwundenen Zeitalters der Tyrannei dienten und so das Fortschrittsdenken stärkten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Rolle der visuellen Darstellung in der wissenschaftlichen Erforschung von Naturkatastrophen, etwa nach dem Erdbeben in Kalabrien 1783. Künstler spielten hier eine zentrale Rolle, indem sie mit Zeichnungen die Schäden dokumentierten und so zur wissenschaftlichen Erkenntnis beitrugen. Wagner zieht eine Parallele zur heutigen Arbeit der Gruppe Forensic Architecture, die moderne Technologie und künstlerische Ansätze verbindet, um Katastrophen und deren Ursachen zu erforschen. So etwa die Explosion im Hafen von Beirut, die in der Arbeit »Cloud Studies« bearbeitet wurde. In der Videoprojektion wird demonstriert, wie durch die Explosion Partikel von Ruinen in die Atmosphäre gelangen und sich global verbreiten.

No description available

Inmitten einer kartonverkleideten Baustelleninstallation von Thomas Hirschhorn sprechen Kulturjournalistin Anna Soucek und Philosoph Thomas Macho über das Spannungsfeld von Ruinen, Gedenken und Katastrophentourismus. Ausgangspunkt ist das Symposium Scrambling Worlds am IFK Wien – thematisch kreisen ihre Reflexionen um Orte des Schreckens, des Verlusts und der Imagination. Thomas Macho gibt Einblicke in den sogenannten Dark Tourism – das Reisen zu Orten historischer Katastrophen, von Tschernobyl bis zur Titanic, von Srebrenica bis zur Atacama-Wüste. Er verknüpft kulturhistorische Phänomene mit Reflexionen über Trauerarbeit, Erinnerungskultur und mediale Formen der Annäherung. Warum reisen Menschen zu Orten des Schreckens, wenn doch Bilder längst zugänglich sind? Und wie verhalten sich Gedenken und touristische Gier zueinander? Ein besonderer Fokus liegt auf der Ambivalenz zwischen persönlicher Anteilnahme und medienvermittelter Distanz: Selfies in Gedenkstätten, Kunstprojekte mit Bewegungskameras an Suizidorten, aber auch architektonisch geschaffene Erinnerungsräume wie das Hiroshima Peace Memorial Museum werden diskutiert. Thomas Macho schlägt dabei die Brücke von Karl Kraus’ Glossen zur Titanic bis zu zeitgenössischen Künstlerinnen wie Anna Jermolaewa, die Kriegsrealität und Tieraufnahmen im verseuchten Wald von Tschernobyl kontrastiert. Das Gespräch endet mit der Frage nach zukünftigen Gedenkarchitekturen und der Faszination von Ruinen – nicht als Überbleibsel, sondern als aktive Erinnerungsräume. Ein Gespräch über das Bedürfnis, sich dem Abgrund zu nähern – nicht aus Sensationslust, sondern im Versuch, eine Form von Gegenwart im Angesicht der Geschichte zu gestalten.

Martin Gasteiner im Gespräch mit Orit Halpern. In dieser Folge reflektiert die Medienwissenschafterin Orit Halpern über ihr zentrales Konzept der Resilienz und »Smartness« in unserer krisengeprägten Zeit. Resilienz, ursprünglich aus der Ökologie kommend, beschreibt für Halpern das neue Normal: eine Welt, in der Schock und Trauma als Grundbedingungen akzeptiert werden – sei es aufgrund von Umweltkatastrophen, wirtschaftlichen Krisen oder politischen Konflikte. Resilienz wird damit zu einem universellen Anpassungsbegriff. Parallel dazu analysiert Halpern die Entwicklung der »Smartness«: Intelligente Städte und Technologien, die seit der Finanzkrise 2008 die Antwort auf viele globale Herausforderungen sein sollen, bergen neben Effizienz und Kontrolle jedoch auch Risiken. Sie kritisiert, dass »Smartness« soziale und demokratische Prozesse übergeht und neue Abhängigkeiten schafft. Halpern zeigt, wie eng diese Ideen mit dem Sicherheitsdenken des Kalten Krieges verknüpft sind und dass sie heute in einer pessimistischen Zukunftserwartung weiterleben. Als Antidot plädiert sie für alternative Denkansätze, um Technologie nicht nur als Krisenmanagement, sondern als Weg zu mehr sozialer und ökologischer Verantwortung zu nutzen. Ein kritischer Blick auf unser Technikverständnis – und ein Appell, Technologie als Chance für eine gerechtere Zukunft zu verstehen. (Interview in English)

Martin Gasteiner im Gespräch mit Leonhard Müllner. In dieser Folge spricht Martin Gasteiner mit Leonhard Müllner über die faszinierende Welt digitaler Ruinen. Müllner, Mitbegründer des Künstler- und Forscherkollektivs Total Refusal, widmet sich der Frage, wie die Darstellung von Ruinen in Videospielen sowohl gesellschaftliche als auch wirtschaftliche Krisen reflektiert. Gemeinsam untersucht das Kollektiv, wie das Massenmedium Videospiel mit seiner krisenbasierten Logik umgeht, indem es sowohl unvollständige, fehlerhafte Welten präsentiert, als auch die Bereitschaft der Spieler*innen fordert, diese Welten durch ihre eigenen Beiträge zu reparieren. Total Refusal hinterfragt, welche ästhetischen und narrativen Skripte in der postapokalyptischen Darstellung von digitalen Ruinen verborgen sind und welche gesellschaftlichen Vorstellungen durch diese Szenerien vermittelt werden. Müllner diskutiert dabei die hegemoniale Wertearchitektur der Videospielindustrie und erkundet das utopische Potenzial dystopischer Narrative, das oft übersehen wird. Inwiefern verändert die Digitalisierung unser Verständnis von Verfall und Ruinierung? Welche Parallelen lassen sich zwischen physischen Ruinen und ihrer Darstellung in der digitalen Kultur ziehen? Und kann die Gaming-Community eine neue Form der kollektiven Kreativität und Widerstandskraft etablieren?

Martin Gasteiner im Gespräch mit Omar N‘Shea. In dieser Folge sprechen wir mit Omar N‘Shea, einem multidisziplinären Forscher. Er erkundet Höhlen und Ruinen in Malta aus den Perspektiven von Geologie, Archäologie, Anthropologie und Ethnografie. Mit diesem Repertoire beschreibt er Ruinen als »Palimpseste«, in denen sich historische Schichten überlagern und uns über kollektives Erinnern und Vergessen erzählen. Ein besonderes Thema des Gesprächs ist ein lange vergessenes neolithisches Grab, das durch Krieg und moderne Bauarbeiten zerstört wurde. Omar erzählt von seiner Suche nach Spuren des verlorenen Ortes und den Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung, die ihm halfen, die Geschichte dieses Ortes zu rekonstruieren. Die persönliche Dimension von Omars Arbeit wird deutlich, wenn er über den Tod seiner Mutter und die Entscheidung spricht, seine Forschung auf Maltesisch zu schreiben. Diese Verbindung macht seine wissenschaftliche Arbeit auch zu einer poetischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ruinen sind für Omar nicht nur archäologische Stätten, sondern soziale Räume, die mit Bedeutungen, Erinnerungen und Widerstand aufgeladen sind. (Interview in English)

Martin Gasteiner im Gespräch mit Daniel Vella. In dieser Folge spricht Martin Gasteiner mit Daniel Vella, einem Forscher aus Malta, der über die Beziehungen zwischen Ruinen und Utopien nachdenkt. Daniel diskutiert die Spannungsfelder zwischen der ästhetischen Betrachtung von Ruinen, der romantischen Kunst der Distanznahme und der Konfrontation mit den sozialen Realitäten, die in konkreten Ruinen verankert sind. Besonders spannend ist Daniels Betrachtung Maltas als »Land der Ruinen« – Überreste der britischen Kolonialzeit, Festungen der Johanniter und unvollendete Gebäude prägen die maltesische Landschaft. Diese unbeanspruchten Räume werden zunehmend von kapitalistischen Entwicklungen verdrängt, was zur Zerstörung öffentlicher Räume und intensiver Privatisierung führt. Daniel Vella reflektiert zudem die Verbindungen zwischen Ruinen und Utopien und bespricht diese Themen auch in seiner Forschung zu Videospielen. (Interview in English)

Martin Gasteiner im Gespräch mit Insa Härtel. In der Auftaktepisode der 3. Season führt Martin Gasteiner ein Gespräch mit der Kuratorin und Macherin der Staffel, der Kulturwissenschaftlerin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Insa Härtel. »Diese Season widmet sich dem Beiläufigen: Im Mittelpunkt steht weniger das Aufsehenerregende als das Erregende am Alltäglichen, Massentauglichen. Welche kulturellen Ansichten und Spannungsfelder zeigen sich in ›normal‹ gewordenen kollektiven Wahrnehmungsweisen, Formen, Materialien? Dem nachzugehen, ist ertragreich, denn auch im scheinbar Banalen oder unbedeutend Wirkenden werden kulturell virulente Themen konflikthaft verhandelt.« Insa Härtel In der Podcast-Reihe spricht Insa Härtel Kyung-hwa Choi-ahoi, Karin Harrasser, Eva Laquiéze-Waniek, Melanie Reichert und Michael Schödlbauer. Themen wie Smalltalk, kulturelle Dynamiken und Alltagswahrnehmungen werden dabei in einen theoretischen und praktischen Rahmen gesetzt, der das scheinbar Beiläufige ins Zentrum stellt. Härtels Ziel ist es, die Alltäglichkeit zu hinterfragen und zu zeigen, dass in »Nichts Besonderes« oft das Besondere steckt.

die Fehlleistung. Insa Härtel im Gespräch mit Michael Schödlbauer In dieser Episode von »Nichts Besonderes« ist Michael Schödlbauer, Mitarbeiter am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, und Leiter des Adolf-Ernst-Meyer-Instituts für Psychotherapie bei Insa Härtel zu Gast. Im Gespräch: Sigmund Freuds Schrift »Zur Psychopathologie des Alltagslebens«, die schon mit ihrem Titel die Grenze normal/anormal, gesund/krank unterläuft. Es eröffnet sich die faszinierende Welt der Fehlleistungen: Ausgehend von einem Internet-Cartoon zum »Ausrutscher« wird diskutiert, wie die kleinen Pannen funktionieren – sei es der berühmte, selbst in die Alltagskultur eingegangene Freud‘sche Versprecher, seien es Prozesse des Vergessens, Verlesens, Vergreifens. Wie können solche oft belanglos daherkommenden Phänomene unerwartete Einblicke in psychische Konflikte gewähren? Neben der Fülle der Beispiele, der Fragilität von Autorschaft, der Performativität der Fehlleistungen wie der Psychoanalyse gerät auch Freuds Absage an psychische Zufälligkeit in den Blick, durch die ihm jedes Detail bedeutungsvoll erscheint – fast wie bei einer Paranoia. Schließlich geht Michael Schödlbauer auf die Relevanz von Fehlleistungen in seiner klinischen Arbeit ein.