
Hosted by Julia Grillmayr, Hanna Ronzheimer, Signation: Sebastian Klingovsky Produktion: Martin Gasteiner… · DE

Wut und Rache mit der Kulturwissenschaftlerin Iris Därmann. Am 7. Oktober 1944 ging von der Widerstandsgruppe des letzten »Sonderkommandos« von Auschwitz die einzige Revolte in der Geschichte des Vernichtungslagers aus. Iris Därmann, Professorin für Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Ästhetik am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, erzählt über die zentrale Mitwirkung weiblicher Häftlinge an dieser Revolte. Ein konspiratives Netzwerk von etwa dreißig Frauen schmuggelte Schwarzpulver von ihrem Arbeitsplatz an das »Sonderkommando« in Auschwitz. Ein Ereignis, in dem weibliche Wut in Mut umschlägt und gewaltsame ebenso wie antisadistische, musikalische, prophetische und performative Widerstandsformen findet.

Die Kulturwissenschaftlerin Marina Rauchenbacher beschäftigt sich mit Feminismus und Transgender in Comics. Zentral für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema sind die sogenannten ›Underground Comics‹, die in den 1970er Jahren in den USA aufkamen. Wut, beziehungsweise wütende Frauen, sind ein wichtiges Stilmittel. Das Cover der ersten und bahnbrechenden, ausschließlich von Frauen geschaffenen Sammlung »It Ain’t Me, Babe«, die 1970 von Trina Robbins veröffentlicht wurde, zeigt sechs bereits etablierte Comicfiguren, darunter Olive Oyl und Wonder Woman, die wütend ihre Fäuste erheben. Die Entwicklungen dieses Genres zeugen seitdem von der facettenreichen Auseinandersetzung von Comiczeichnerinnen mit Wut – sie reicht von autobiografischen Ansätzen bis hin zu gesellschaftspolitischen und kulturhistorischen Analysen.

In dieser Folge geht es um den Roman »Ellbogen« der Autorin und Journalistin Fatma Aydemir. 2017 bei Hanser erschienen, erhielt Aydemir für ihr Debüt den Klaus-Michael-Kühne-Preis und den Franz-Hessel-Preis, 2024 wurde der Roman verfilmt. Aydemir liest einen Ausschnitt aus »Ellbogen« vor, gibt Einblick in ihre eigene Biographie und die Entstehungsgeschichte ihres Werkes. Der Roman erzählt die Geschichte der 17-jährigen Hazal, die in Berlin-Wedding aufwächst, von der Mehrheitsgesellschaft marginalisiert wird und nach einem gewalttätigen Vorfall nach Istanbul flieht. Es ist eine wütende Coming-of-Age-Geschichte über das Recht auf Gefühle, Zugehörigkeit und Abgrenzung.

Die fünfte Staffel von Kultur Denken widmet sich dem Denken Elias Canettis – zugespitzt, neu gelesen, und mitten in die Gegenwart gestellt. Unter dem Titel »Canetti egalitär« geht es um nichts weniger als um die Frage: Was sagt Masse und Macht heute – in Zeiten sozialer Bewegungen, autoritärer Rhetoriken und neuer Kollektiverfahrungen? Ausgangspunkt der Staffel ist eine internationale Tagung am ifk, die Canetti nicht als Denkmal, sondern als Störung verstanden hat: als eine Figur, die Konventionen durchkreuzt, disziplinäre Grenzen sprengt und Vorstellungen von Macht und Gleichheit radikal neu denkt. In der Einleitung die entfaltet sich im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Andreas Gehrlach ein Bild Canettis als intellektueller Unruheherd – kein sicherer Referenzpunkt, sondern ein Denker zwischen politischer Unschärfe, verstörender Introspektion und einer Idee von Gleichheit, die bis heute irritiert. In sieben Episoden spricht Martin Gasteiner mit internationalen Expertinnen und Experten über zentrale Facetten von Canettis Werk: über »Göttermacherei«, anarchistische Denkfiguren, ethnologische Blicke auf Gleichheit und die Wirkung seines Denkens auf gegenwärtige Gesellschaftsentwürfe. Eine Gesprächsreihe, die zeigt: Canetti war seiner Zeit voraus – und ist vielleicht genau deshalb wieder da.

Was tun mit einem Werk wie Masse und Macht, das so oft zitiert wie selten genau gelesen wird? In dieser Folge von Kultur Denken gehen wir der Frage nach, wie sich Elias Canettis Denken über die Masse heute fruchtbar machen lässt – jenseits der bekannten Linien. Im Gespräch mit Martin Gasteiner analysiert Sara Bangert Canettis zentrale Konzepte der Masse und des Rhythmus als soziale Ordnungsprinzipien. Bangert entwickelt eine differenzierte Perspektive auf die Masse als ambivalentes Phänomen: als Raum temporärer Gleichheit einerseits und als fragile soziale Formation andererseits. Besondere Aufmerksamkeit gilt Canettis Konzeption des Rhythmus als verbindendem Element zwischen historischen und gegenwärtigen Gemeinschaftsformen. Die demokratische Dimension der Masse wird dabei als Gegenmodell zu totalitären Vereinnahmungen herausgearbeitet. Sara Bangerts Ansatz ist dabei mehr als eine Relektüre. Ihre Arbeit verbindet literaturwissenschaftliche Schärfe mit einem Gespür für Texturen der Bewegung, der Zwischenzeit, der Nicht-Arbeit. Mit Blick auf Idiorrhythmie, Surrealismus und Theorien kleiner Formen öffnet sich das Gespräch für ein Denken, das Canetti nicht historisiert, sondern als Impulsgeber für gegenwärtige Fragen ernst nimmt.

In dieser Folge von Kultur Denken spricht Martin Gasteiner mit dem Sozialanthropologen Florian Mühlfried über Elias Canettis Masse und Macht – und über das, was passiert, wenn die Idee der Gleichheit kippt: in Neid, Kontrolle und gegenseitige Entmutigung. Zentral ist dabei das Konzept des »Albtraum-Egalitarismus« – geprägt von Eric Gable –, das die dunkle Seite egalitärer Ordnungen offenlegt: zwischen Angst vor Abweichung und dem Versprechen kollektiver Freiheit. Mühlfried entwickelt eine eigenständige Lesart von Canettis Gleichheitsvorstellung: als Bewegung zwischen der Aufhebung individueller Differenz und dem Aufscheinen gemeinsamer Erfahrung. Ein Gespräch über Masse, Macht, Mythos – und darüber, wie man ethnologisch denken kann, ohne sich von der Imagination zu verabschieden.

Was lässt sich heute, dreißig Jahre nach seinem Tod, noch mit Elias Canetti anfangen? In dieser Folge von Kultur Denken spricht Martin Gasteiner mit dem Literaturwissenschaftler und Sozialanthropologen Ulrich van Loyen über die Aktualität von Canettis Denken – insbesondere über dessen Hauptwerk Masse und Macht. Im Fokus steht die Frage, wie sich Canettis Text im Kontext aktueller anthropologischer Theorien neu lesen lässt. Van Loyen bringt ihn mit Autor*innen wie David Graeber und David Wengrow ins Gespräch und zeigt, wie Canettis nicht-lineare Geschichtskonzeption als kritischer Gegenentwurf zur klassischen Zivilisationstheorie verstanden werden kann. Zentrale Themen des Gesprächs sind Imagination und Körperlichkeit in Massenbewegungen – und Canettis Entwurf einer positiven Anthropologie, die sich deutlich von Freuds kulturtheoretischem Pessimismus abhebt. Eine dichte, assoziative, anregende Unterhaltung über politische Anthropologie, literarische Theorie und das Denken in Bewegung.

Annette Werberger zeigt im Gespräch mit Martin Gasteiner, wie tief Elias Canetti in die Welt des Anarchismus eingetaucht ist. Sie rekonstruiert eine bislang übersehene Dimension seines Denkens: seine Auseinandersetzung mit anarchistischer Literatur und Praxis. Im Zentrum steht Canettis private Bibliothek – fast vollständig bestückt mit Werken des Anarchismus. Werberger liest sie nicht nur als Sammlung, sondern als Denkraum: ein Ort, an dem Canetti über alternative Formen des Zusammenlebens nachdachte. Annette Werberger ist Professorin für Literaturwissenschaft an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Ihre Arbeit widmet sich der osteuropäischen Literatur im gesamteuropäischen Kontext – mit einem besonderen Blick auf Verflechtungsgeschichten, Avantgarden und kulturelle Randzonen. Ihr Blick macht deutlich: Canettis Interesse an Gemeinschaften ist kein beiläufiges Motiv, sondern Teil eines größeren Projekts. Es geht um Modelle des Miteinanders, jenseits staatlicher Ordnung – getragen von Kooperation statt Kontrolle, von Nähe statt Herrschaft. Ein Gespräch über Bücher, Begriffe und politische Imagination.

In dieser Folge des Podcasts Kultur Denken, einer Produktion des ifk Wien, spricht Martin Gasteiner mit dem Kultur- und Literaturwissenschaftler Andreas Gehrlach über die Kulturtechnik der »Göttermacherei« – ein Begriff, der zugleich historisch und hochaktuell ist. Gehrlach, seit Oktober 2023 wissenschaftlicher Programmleiter am ifk, beschäftigt sich mit modernen und antiken Kulturtheorien, mit Utopien, Diebstahl, Kniefall – und mit jenen prekären, verborgenen Ökonomien, die sich oft unserem Blick entziehen, aber das Gewebe unserer Gesellschaft durchdringen. Ausgehend von Elias Canettis Machttheorie analysiert Gehrlach, wie sich Menschen selbst zu Göttern erheben – und warum solche Akte der Selbstvergöttlichung, etwa bei Napoleon oder Alexander dem Großen, immer wieder scheitern. Im Zentrum stehen dabei Canettis Konzepte vom Überlebenden, von der Todesangst und von der Masse. Besonders spannend ist Gehrlachs Analyse der Verwandlung als doppeldeutiges Prinzip: Sie kann ein Instrument der Herrschaft sein – oder ein Moment der Befreiung. Gerade diese Ambivalenz macht sie zu einem zentralen Element der Machtkonstitution. Die Episode entstand im Rahmen der Tagung »Elias Canetti egalitär« und öffnet neue Perspektiven auf politische Anthropologie, historische Figurenerzählung – und auf das, was Macht im Innersten zusammenhält.

Am 14. August 2024 jährte sich Elias Canettis Todestag zum 30. Mal – ein Datum mit Folgen: Sein bislang gesperrter Nachlass in der Zentralbibliothek Zürich wurde geöffnet. Tagebücher, Briefe, Notizen – ein riesiges Konvolut, das nun neue Blicke auf das Werk und Denken Canettis erlaubt. Im Gespräch mit dem Kulturphilosophen Thomas Macho gehen wir dieser Öffnung nach. Was wird sichtbar, wenn wir Canetti heute lesen? Als Massenanalytiker, ethnologischer Denker, literarischer Grenzgänger? Macho betont die Aktualität von »Masse und Macht« – als Buch der Zeichen, der Risse, der Widerstände. Themen wie Massensymbole, Doppelmassen, Tiermetaphorik und Friedhöfe liest er nicht systematisch, sondern motivisch: als Denkarchiv. Canettis Verhältnis zur Psychoanalyse – besonders zu Freud – bleibt distanziert. Er schreibt nicht im Modus der Therapie, sondern der Aufmerksamkeit: Zuhören, Beobachten, Verwandeln. Auch biografisch ist Canetti schwer zu fassen – polyglott, exiliert, geprägt von zentralen weiblichen Figuren wie Veza Canetti und Friedel Benedikt.